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KLASSIK

Gemütlich: Radu Lupu beim

Rundfunk-Sinfonieorchester

Hat Marek Janowski, nachdem er mit dem RSB den Wagner-Zyklus gestemmt hat, jetzt die Lust am Kleinen entdeckt? Das Podium des Konzerthauses wirkt schütter besetzt, in der ersten Konzerthälfte spielen nur Streicher. Das Programm: eigenwillig. Der große Knaller nach der Pause fehlt, stattdessen trägt Mozarts letztes Klavierkonzert KV 595 die Last des Finalstücks. In Griegs Holberg-Suite fallen die feinziselierten hohen Streicher auf, die auch in den „Variationen auf ein Thema von Frank Bridge“ des im Wagner/Verdi-Jahr 2013 vergessenen Jubilars Benjamin Britten glänzen – auch wenn Konzertmeister Rainer Wolters seine Solostelle in der „Bourrée“ arg wackelig angeht. Bei Janowski aber spürt man die Lust, den Klang- und Farbreichtum, den Witz in Brittens liebevoll-ironischen Charakterisierungen seines Lehrers herauszukitzeln.

Trotzdem fehlt dem Konzert ein Schwerpunkt – und für den sorgt auch Radu Lupu am Klavier nicht. Viel hat man nicht gehört von dem Rumänen in den letzten Jahren, der Verdacht drängt sich auf: zu Recht. So spannungslos, verwaschen und temperamentfrei hat in letzter Zeit keiner Mozarts ätherisches Spätwerk interpretiert. Lupu hält die Dramatik flach und lümmelt gemächlich an der Stuhllehne: ein im schlechtesten Sinne „gemütliches“ Spiel, nicht altersweise, nur müde. Im dritten Satz ist er mehr gefordert, scheint aus seiner Trance zu erwachen. Eine „Republik der Gleichen“ wollte Schumann hier emphatisch erkennen. Dass alles gleich klingt, hat er damit sicher nicht gemeint. Udo Badelt

KLASSIK

Ungemütlich: das Cuarteto Casals im kleinen Konzerthaussaal

Es macht staunen und zugleich etwas ratlos, wie viele gute Streichquartette es heute gibt. Auf welchen Höhen sich vier Musiker begegnen können, welche Steigerungen immer wieder möglich scheinen. Das in Barcelona beheimatete Cuarteto Casals spielt seit 15 Jahren zusammen. Mit seinem legendären Namensgeber verbindet es nicht nur katalanischer Stolz und unbedingte Arbeitsdisziplin. Auch die Freiheit der Phrasierung und das erdige Tonfundament weisen auf den großen Cellisten Pablo Casals.

Bei ihrem Auftritt im Kleinen Saal des Konzerthauses präsentiert das Cuarteto Casals natürlich zuerst einen spanischen Komponisten. Joaquin Turina träufelt in seinem Gebet des Toreros nur tropfenweise Blut ins impressionistische Tableau, während der Staub der Arena in allen Farben flimmert. Die feinsten Resonanzen nachlauschenden Musiker lassen daraus keine Idylle, keine Heimatbeschwörung entstehen – und legen mit Schostakowitschs 11. Streichquartett noch nach. Herb, aber klangvoll tasten sie ihren Weg durch die sieben Miniaturen des Werks, die man gleich noch einmal hören möchte. Nach der Pause Schumanns op. 41 Nr. 1 mit festem Gesang und brüchigem Überschwang. Ein Erlebnis. Viel zu schnell ist das Programm verronnen, doch der Jubel holt die Musiker zurück auf die Bühne. Dann spendiert das Cuarteto Casals großzügig noch Schuberts C-Moll- Quartettsatz mit atemberaubend leidenschaftlicher Attacke und eine wunderbar verschattete Träumerei aus Dvoraks Zypressen. So hätte es noch ewig weitergehen können. Ulrich Amling

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