KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Martin Grubinger Foto: Broede/Universal
Martin Grubinger Foto: Broede/Universal

AMERICANA

Betrunkene Engel: Lucinda Williams in der Apostel-Paulus-Kirche

„In Amerika wäre so was nicht möglich.“ Lucinda Williams freut sich diebisch, dass sie ihre düsteren, frivolen, leidenschaftlichen Songs über Tod und Elend, über Sex und Suff in einer Kirche spielen darf. Es verleiht ihrem Auftritt in der ausverkauften Apostel-Paulus-Kirche den Extrakick, den süßen Duft des Unerlaubten, den es für ein außerordentliches Konzert braucht. Denn dass Lucinda Williams, die fraglos zu den größten Songwriterinnen ihrer Generation gehört, auch ein großes Konzert geben würde, war keineswegs ausgemacht. Zu oft waren ihre Auftritte in der Vergangenheit von Unmut oder Indisponiertheit überschattet, was ihnen zwar prekäre Intensität verlieh, aber keine reine Freude verbreitete.

An diesem Abend aber passt alles. Die 60-Jährige wirkt zugleich konzentriert und gelöst, sie singt mit fester, zwischen opaker Transparenz und verräucherter Kratzbürstigkeit changierender Stimme und pickt energisch auf den Saiten ihrer Westerngitarre herum, die sie nach einer guten Stunde gegen ihre versilberte Telecaster eintauscht. Begleitet wird sie von dem wuschelhaarigen Bassisten David Sutton und dem famosen Stromgitarristen Doug Pettibone, der einst bei Police- Gitarrist Andy Summers Unterricht nahm und heute jedes Lied mit exquisiten Solokoloraturen adelt: sanft schnurrend beim elegischen „Blue“, geschmeidig gleitend bei „Drunken Angel“, mit geisterhaftem Hall bei „Right In Time“, südstaatenrockig lodernd im burschikosen „Come On“. Die aufs Nötigste konzentrierten Interpretationen, der Verzicht auf eine standesgemäße Band, auf all die schönen Ornamente, die bei dieser Art traditionell eingefärbter Americana normalerweise unerlässlich sind, tut den Liedern ungemein gut. Und längst nicht nur den eigenen: Zwischen ihre mit Southern Gothic getränkten Kompositionen streut Lucinda Williams kongeniale Coverversionen von verstorbenen (Skip James, Robert Johnson) und noch lebenden Helden (Bob Dylan, Willie Nelson). Nach über zwei Stunden lassen sich die drei vom frenetisch applaudierenden Publikum zu einer weiteren Zugabe bewegen: „Angel“, eine zauberhafte Verbeugung vor Jimi Hendrix’ vielleicht schönstem Stück. „Awesome“, ruft die strahlende Musikerin zum Abschied. Ein Kompliment, das man nur erwidern kann.Jörg Wunder

KLASSIK

Echt heiß: Martin Grubinger

und die Camerata Salzburg

Womöglich war es das längste Orchesterkonzert der Saison – das coolste war es auf jeden Fall: Zum Berlin-Gastspiel am Dienstag hatte Martin Grubinger nicht nur die Camerata Salzburg aus seiner Heimatstadt mitgebracht, sondern auch seine friends, jene eingeschworene Trommlertruppe, mit der er sonst eigene, mitreißende Perkussion-Programme macht. Ein Abend also, der die volle Dröhnung verspricht.

Zum Warmspielen setzt sich Grubinger erst mal hinten ins Ensemble, bedient die Pauken in der „Sinfonie India“ des Mexikaners Carlos Chávez. Interessant ist hier die Gestik des 29-jährigen Venezolaners Christian Vasquez: Er pflegt einen minimalinvasiven Dirigierstil, bei dem er mit kleinen, roboterhaften Bewegungen Stromstöße ins Orchester sendet – und tatsächlich auch die scharfzackigen Rhythmen zurückbekommt, die er einfordert.

Um Rhythmus dreht sich alles an diesem Abend, bei dem nicht ein einziges bekanntes Stück auf dem Programm steht, und der doch das Publikum in der Philharmonie von den Sitzen reißt. Weil das Orchester lustvoll auf das ungewohnte, beatbetonte Repertoire einsteigt, weil alle Beteiligten beim letzten Auftritt ihrer Tournee richtig in Feierlaune sind, sich gegenseitig zu immer noch fetzigeren, virtuoseren Soli anstacheln.

Grubinger fetzt mit solch einem Groove durch den Eröffnungssatz von Avner Dormans Schlagzeugkonzert, dass spontan Jubel aufbrandet, Piazzolla-Tangos werden im Arrangement von Martin Grubinger Senior zum packenden Tonpoem über das Leben unter dem Himmel Argentiniens, ganz authentisch, also ohrenbetäubend laut, kommt die brasilianische Samba-Parade aus den Höhen von Block C hinab zu Bühne. Bei der finalen Salsa-Session erreicht die Stimmung im Saal dann endgültig äquatoriale Hitzegrade. Eine Riesengaudi. Frederik Hanssen

OPER

Verdammte Badewanne:

„Das Geisterschiff“ im Konzerthaus

Wenn eine vergessene französische Oper mit 170 Jahren Verspätung ihre deutsche Erstaufführung erlebt, braucht man Gedränge nicht zu fürchten – selbst wenn das Sujet aus der Feder von Richard Wagner stammt. Pierre-Louis Dietsch nannte seine Holländer-Variante „Das Geisterschiff“ – und brachte sie noch vor Wagner auf die Bühne (vgl. Tsp vom 26.5.). Im Konzerthaus bleiben gespenstisch viele Plätze frei, wenn die Deutschen Oper nun eine konzertante Wiederbelebung wagt. Doch das Ensemble unter Enrique Mazzola ist in bester Enterlaune und legt robustes Theatergerät an Dietschs auf den Shetland-Inseln spielende Seemannsballade. Zurecht, denn darin wird zusammengerafft, was den Pariser Geschmack der Saison 1842/43 ausmachte.

Auch wenn Kapitän Mazzola sein Orchester zu effektvollem Runderschlägen animiert, vom Fleck kommt diese Musik nicht. Ihr Leichtsinn aber bestrickt Wagner gestählte Ohren durchaus. Wenn der Vater seine Tochter schwungvoll mit „Es lebe die Hölle, wenn sie mir Reichtum bringt“ an einen Fremden verhökert, spielt Metaphysisches keine Rolle. Welch eine lange, einsame Reise Wagner zu seinem Musikdrama zurücklegen musste, macht diese Begegnung mit seinem untergegangenen Konkurrenten deutlich. Laura Aiken wirft sich als „Madonna des Hafens“ heilsuchend in schäumende Koloraturen, als Verdammter lässt Josef Wagner sanfte Wellen rollen. Ein „Holländer“ für die Badewanne. Ulrich Amling

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