KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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POP

Aufgeblüht: Iron & Wine

im Admiralspalast

Am Ende haben sich alle in den Trompeter verliebt. Ein Schlaks von zwei Metern, der nicht nur sehr gut spielt, sondern auch wunderbar unbeholfen tanzt. Einmal springt er sogar, das gibt dann Szenenapplaus. Sam Beam alias Iron & Wine ist in der Stadt. Mitgebracht hat er ein 12-köpfiges Ensemble. Streicher, Bläser, Sängerinnen, ein Organist. Diese üppige Instrumentierung, die sich nur in der Mitte des Abends für drei Songs zurückzieht, ist auch nötig, denn Beams Musik hat über die letzten beiden Platten „Kiss Each Other Clean“ und „Ghost On Ghost“ eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen. Weg vom Murmel-Folk hin zu einer Art Kammer-Soul, der sich bei Van Morrison, Motown und Charles Mingus bedient.

Im gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Admiralspalast gibt der Amerikaner einen Überblick über alle Schaffensperioden, spielt sogar „Such Great Heights“, die Coverversion des gleichnamigen Postal-Service-Songs, die noch vor seinem eigenen Debüt erschien. Der schönste Moment? Schwer zu sagen. Vielleicht jener, als ein Song einmal einfach umkippt, in dem aus einer sehr definierten Melodie unvermittelt eine Art Freejazz wird, vielleicht auch das rührende „Sixteen, Maybe Less“: „I walked home smiling, I finally had a story to tell“, heißt es da. Denn Geschichten dieses Mannes hört man immer wieder gerne zu. Jochen Overbeck

KLASSIK

Vorgeglüht: Bizets „Perlenfischer“ im Konzerthaus

Liegt’s am heißen Blut, das den Autoren zu Kopfe steigt? Wenn in der Oper zwei Männer dieselbe Frau lieben, garantiert das meist leidenschaftliche Arien – aber oft auch schlechte Libretti. Einsamer Höhepunkt ist dabei natürlich Verdis „Il trovatore“. Aber auch Bizets „Perlenfischer“ gehören dazu. Das einzige Werk des Franzosen, das neben „Carmen“ einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, steckt voller Unwahrscheinlichkeiten. 2011 stellte die Deutsche Oper das Stück konzertant zur Diskussion, der Abend wurde zum Triumph für den maltesischen Tenor Joseph Calleja. Darum gibt es die „Perlenfischer“ jetzt noch einmal, im ausverkauften Konzerthaus, wieder mit Calleja.

Und er sticht erneut als Nadir. Eine Stimme wie Mandelöl, geschmeidig schimmernd im Registerwechsel – sensationell, bis auf zwei irritierende Patzer bei den Spitzentönen. Christoph Pohl als Zurga singt wesentlich in sich gekehrter, aber nicht weniger glanzvoll. Erstaunlich, dass Dirigent Guillermo García Calvo zwar das bizettypische Kolorit, das auch in diesem Frühwerk schon aufscheint, mit dem Orchester der Deutschen Oper herauspräpariert, den unterprobt wirkenden Chor aber nicht in den Griff bekommt: Der hinkt hinterher oder sprintet davon. Trotzdem gibt’s am Ende warmherzigen Applaus, der auch das wackeligste Libretto verzeiht. Udo Badelt

HIP-HOP

Abgebrüht: A$AP Rocky

im Astra Kulturhaus

Bei seinem ersten Berlin-Konzert im letzten Jahr war A$AP Rocky noch ein Szenetipp. Seitdem hat sich der 24-jährige New Yorker zum Hip-Hop-Star gemausert. Die Erwartungen im Astra Kulturhaus sind entsprechend hoch. Nur wer volljährig ist, darf in die Halle und erlebt eine elektrisierende Liveshow. A$AP betritt um kurz vor elf Uhr die Bühne: Er habe noch mal aufs Klo gemusst, deshalb habe alles etwas länger gedauert. Dieser Spruch wird bereits frenetisch bejubelt und der Rapper weiß mit der angestauten Partylaune des Publikums bestens umzugehen.

Mit Songs wie „Wild For The Night“ oder „Trilla“ animiert er zum Mosh Pit und Stage Diving. Dazwischen verteilt er Wasser, Handtücher und Shirts. „Pussy, Money, Weed“, ruft A$AP im Refrain von „PMW“ – alle grölen mit. Die inhaltliche Leere dieser Musik, die sich stilistisch zwischen Swagger und Cloud Rap bewegt, mindert den Spaß nicht. Zum Finale mit dem Hit „Fucking Problems“ holt er Fans auf die Bühne. „Es macht mich verdammt stolz, so viele Menschen verschiedener Hautfarbe, Herkunft und Religion hier versammelt zu sehen,“ verkündet er. Das ist dann doch noch so etwas wie eine Botschaft. Florian Zimmer-Amrhein

KLASSIK

Fürs Gemüt: Grigorij Sokolov

in der Philharmonie

Sechs Zugaben werden es am Ende, fünf davon klingen in der Interpretation Grigorij Sokolovs wie Studien über den Triller – den der Pianist zuvor schon in Beethovens Hammerklaviersonate von der Verzierung zur Hauptsache erhoben hatte. In den Zugaben demonstriert der Russe, wie die melodische Linie unter der Erschütterung der Oberfläche, den zahllosen Tonwiederholungen, unbeirrt weiterströmt. Man wüsste gerne, wie er das macht.

Sokolov verfügt nicht einfach über eine überlegene Technik oder ein feineres Stilempfinden als andere, sondern über eine ganze zusätzliche Dimension: Hört man im letzten Satz der Hammerklaviersonate sonst die Unterhaltung verschiedener Stimmen, so entwirft er auch noch den Raum, in dem dieser Dialog stattfindet. Schon die leere Oktave, mit der Schuberts erstes Impromptu D 899 beginnt, markiert eine Landschaft, in der sich das schutzlos, weil unbegleitet einsetzende Thema wie eine Kinderstimme zu verlieren droht. Die in Beethovens 29. Sonate eigentlich mitkomponierten Grenzen des Spielbaren kommen bei diesem Künstler nicht einmal im Finale in den Blick. Man könnte das als Einwand formulieren – aber was wäre das für einer? Und hat man das etwa 20- minütige Adagio jemals so traumverloren und gleichzeitig inständig gehört wie hier?

Diese Kunst ruht so sehr in sich, dass sie auf eine Bestätigung von außen nicht angewiesen ist. Ungerührt nimmt Sokolov die fassungslose Begeisterung des Publikums zur Kenntnis. Benedikt von Bernstorff

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