KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

H. P. Daniels

FOLK

Auf dem Highway:

Steve Earle im C-Club

Es klang fast wie eine Drohung, wenn Steve Earle nach einem seiner traumhaften Solokonzerte ankündigte, dass er das nächste Mal wieder mit Band kommen werde. Ziemlich zerlärmt waren die bisherigen Auftritte mit den Dukes, wobei die ganze Individualität des brillanten Singer-Songwriters und seine exquisiten Songstorys im Klangmatsch absoffen. Entsprechend skeptisch ist man, wenn er im C-Club verkündet: heute spiele er mit der besten Band, die er je gehabt habe.

Doch erst mal spielen sie ohne ihn. Das junge Ehepaar Eleanor Whitmore und Chris Masterson weckt mit melodiösen Countrypopsongs und betörenden Duetten Erinnerungen an die formidablen Continental Drifters. Dann kommt Steve Earle dazu, mit Wallebart, Cowboyhemd, Jeans und Akustikgitarre. Lässig ruhiger Einstieg mit „The Low Highway“. Er lässt gläserne Klänge klirren aus einer elektrischen Rickenbacker zum „21st Century Blues“, watet in „Calico County“ durch schlickiges Stones-Territorium und wird alle zwölf Songs vom neuen Album „The Low Highway“ geschickt zwischen Unmengen bejubelter Steve-Earle-Klassiker wie „Taneytown“, „Copperhead Road“, „Guitar Town“ oder „Ben McCulloch“ mischen. Das ganze faszinierende Spektrum von Earles musikalischer Americana-Wurzeligkeit: Country, Bluegrass, Blues, Soul Rock’n’Roll, Folkballaden, Rockabilly. Dazu der bauchige Bass von Kelley Looney, Will Rigbys treibende Drums, rasantes Gefiddle von Eleanor Whitmore. Herausragend: die unaufdringlich sparsamen Fills und Licks von Chris Masterson auf diversen Gitarren und Pedal Steel. Die Band ist brillant, Steve Earle besser denn je, alle Bedenken verflogen. Berauschender Auftritt. H. P. Daniels

KLASSIK

In der Küche: ein Opernabend

führt durch Privatwohnungen

„Wenn Du nicht in die Oper kommst, kommt halt die Oper zu Dir“ – so mögen sich der schwedische Komponist Thomas Jennefelt und sein Librettist Magnus Florin gedacht haben, als sie ihre Musikdramatischen Szenen „Hos oss“ (bei uns) entwarfen. Die nämlich sind für die Aufführung in Privatwohnungen konzipiert. Nun ist das Projekt erstmals in Berlin zu Gast. Oder genauer gesagt: in zwei Wohnungen eines Schöneberger Altbaus, dessen Adresse einem nach Kartenbestellung mitgeteilt wird. Der szenische Effekt ist frappierend: Welcher inszenierte Raum könnte es an Ausstrahlung mit einer Privatwohnung aufnehmen, die so viel Intimes von ihren Bewohnern zu erzählen scheint und gleichzeitig so viel verschweigt? Der Text der unverbundenen Szenen und Jennefelts Musik, die auf ökonomische Weise mal mit Klavier, mal mit elektronischen Klängen oder geisterhaft aus dem Nebenzimmer hallenden Streichern spielt, sind korrespondierend dazu abstrakt und emotional zugleich gehalten: Die stimmlich wie gestalterisch sehr überzeugenden Bewohner heißen Adam, Bertil, Caesar oder einfach „die Frau“ oder „die Tochter“ und man versteht ihre Konflikte, wie man die Funktion einer Küche, eines Schranks oder die Form eines Liedes oder einer Arie versteht.

Gleichzeitig wahren sie genug Distanz, dass man wie jene unerlösten Geister, die man aus romantischen Opern kennt, von Zimmer zu Zimmer durch die gefühlsgeladene, fremde Realität wandelt – eine Fremdheitserfahrung, die sich lohnt (wieder: heute, 16, 18 und 20.30 Uhr. Info: www.beiunsoper.com).Carsten Niemann

ROCK

Hinter der Wand:

Kurt Vile im Bii Nuu

Wie ein Vorhang verdecken die langen Haare Kurt Viles blasses Gesicht. Nur für das Mikro wird etwas Platz geschaffen, und so singt er gute fünf Minuten lang nur den „Yeah Yeah“-Refrain von „Wakin’ On A Pretty Daze“, dem Titeltrack seines neuen Albums. Wobei: Er singt den Refrain nicht. Eher schiebt er ihn zwischen die sich auftürmenden Gitarrenwände, die durch den Einsatz diverser Effektgeräte den kompletten Raum einnehmen.

Vile operiert seit bald zehn Jahren in einem Spannungsfeld zwischen den Kerntugenden amerikanischer Gitarrenmusik und Noise Rock. Im ausverkauften Bi Nuu klingt der Mann aus Philadelphia melancholisch, aber nie kitschig. Er erlaubt dem Schmutz Platz in seinen Songs, und jener Schmutz wird von seiner Band Violators noch einmal ausgewalzt wie ein Klumpen Hefeteig. Manchmal klingt das, als wäre Neil Young bei den Indie-Helden Dinosaur Jr. eingestiegen, manchmal muss man an eine entschleunigte Version der Stooges denken. Und genau das ist das Problem: Live ist das doch recht fordernd. Dass sich hinter und zwischen all den Wänden wunderbar fragile Songs verbergen, fällt erst gegen Ende auf. Nur mit der Akustischen schickt Vile die verhallten Solonummern „Snowflakes Are Dancing“ und „Peeping Tomboy“ in den Raum. Ein paar mehr solcher Gegensätze hätten dem Abend gut getan. Jochen Overbeck

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