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JAZZ

Joëlle Léandre und Vincent Courtois im Kesselhaus

Der Festivalmacher Philippe Ochem kann stolz sein auf die siebte Ausgabe von Jazzdor und die zahlreichen gelungenen Premieren in seinem Programm. Der vierte und letzte Festivaltag eröffnet mit einem Duokonzert der Kontrabassistin Joëlle Léandre und des Cellisten Vincent Courtois, einer improvisierten Suite, in der die permanente Veränderung von Klängen im Mittelpunkt steht. Im Fluss des halbstündigen Klangereignisses, das ganz leise, gestrichen, sanft beginnt, gibt es zahlreiche gefühlte Signale, kurze Segmente, Melodiefragmente, rhythmische Wiederholungen und harmonische Ruhepole, die die beiden Virtuosen zu improvisierten Dialogen und solistischen Brechungen inspirieren. Drei größere vereinbarte Treffpunkte geben dem Hauptstück des Abends Gestaltungsoptionen, doch mehr ist nicht festgelegt.

Wann jedoch Joëlle Léandre und ihr jüngerer Kollege Vincent Courtois, die zum ersten Mal gemeinsam in Berlin auftreten, die drei heiligen Musikgenres Blues, Oper und Tango wie schönste Farben in ihr transkulturelles Klanggemälde überführen, steht vorher nicht fest. Der italienische Komponist und Dichter Giacinto Scelsi hat einst die freie Stimme bei Joëlle Léandre entdeckt, als er sie für seine Komposition „Canti del Capricorno“ besetzte. Jetzt singt sie an zwei längeren Stellen ihre radikale und rebellische Adaption von afroamerikanischer und Mailänder Vokaltradition, Performance gehört für Léandre in ein gutes Konzert. Für die sozialkritische Improvisatorin ist diese Musik vor allem Körper und Geste, harte Männerarbeit auch.

Das Politische und die Ironie verbünden sich in diesem Konzert mit dem in jeder klanglichen Wendung spürbaren Drang zur Freiheit und Veränderung: kein Vibrato (Deutschlandradio Kultur sendet den Konzertmitschnitt am 24. Juni ab 20 Uhr). Christian Broecking

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