KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Volker Lüke
Foto: mini mahler
Foto: mini mahler

ROCK

Ein Tag am Strand: Allah-Las

im Festsaal Kreuzberg

Endlich Sommer! Und hier kommt genau die Band, die dazu die Strandbar eröffnet: Die Allah-Las aus dem sonnigen Los Angeles, ein Quartett, das sich im Windschatten seines Produzenten Nick Waterhouse nach vorn geschoben hat und dabei so vielen Fans ans Herz gewachsen ist, dass sein Konzert wegen der großen Nachfrage vom Privatclub in den Festsaal Kreuzberg verlegt wurde.

Die Musik der Band speist sich liebevoll und gründlich informiert aus älteren Quellen. Bis zur Halskrause in den Sixties verbuddelt, wecken sie mit ihrem Debütalbum Erinnerungen an Love, Zombies, Animals und frühe Byrds, brechen aber auch mit offensivem Charme aus dem Revival-Ghetto aus und stehen voll im heutigen Saft. Ein Eindruck, der sich beim Konzert im rappelvollen Festsaal bestätigt, wenn sie mit lässiger Eleganz allerschönste Melodien spielen und zu einem coolen Mix aus Westküsten-Psychedelia, Surf- und Beat-Romantik verrühren – detailliert und raffiniert ausgearbeitet. Dabei sind die Allah-Las klar auf Schmusekurs, haben aber – wie alle Garagenrocker – nach der ersten zerflossenen Liebe ihren Glauben an den großen Kürbis verloren. Was sie freilich nicht davon abhält „I wanna be your man!“ zu krähen und mit melancholischem Unterton zu flirrenden Gitarren und treibendem Schlagzeug über Herzschmerz und dies und das zu singen – eine wunderbar vibrierende Musik, die freundlich auf den Sommer einstimmt. Man denkt an tolle Frauen, die in ärmellosen Hemdblusen, flotten Caprihosen und mit windzerzausten Haaren am Strand flanieren. Der perfekte Soundtrack für einen verschwendeten Tag an der kalifornischen Pazifikküste – und eventuell auch am Spreeufer von Berlin. Volker Lüke

KUNST

Der Sound von Trockeneis:

Evelina Rajc
a in der Schering-Galerie

Ein Wimmern, mehr vermag der Metallstab dem weißen Klotz nicht abzuringen. Wie der kleine Arm eines Dirigenten schwingt die bewegliche Maschine über ein Häufchen Trockeneis. Seine akustische Ausbeute: ein Geräusch, gefolgt von jaulenden Tönen. Die polnische Künstlerin Evelina Rajca experimentiert mit Materialien, und sie tut es so schwerelos, dass man ihr dabei in der Schering-Stiftung immer weiter zuschauen könnte (Unter den Linden, 32–34, bis 7. 7., Mo bis Sa 11–18 Uhr). Auch wenn ein Schild am Eingang vor der leichten Strahlung des mit Uran angereicherten Glases warnt, das in einer Vitrine verführerisch grün leuchtet. Zwei Videos und ein Objekt kreisen das Thema ihrer künstlerischen Arbeit ein. Seit dem Studium an der Kölner Kunsthochschule für Medien und einem DAAD-Reisestipendium nach Peking erforscht Rajca „Prozesse der Vorstellung und Sinnverschiebung“. Konkret werden solche Ideen, wenn sie die Eigenschaften künstlich geschaffener Verbindungen nutzt. Trockeneis etwa bleibt nur bei hohen Minusgraden stabil. Bei Zimmertemperatur wird es zu Gas und reagiert auf Metall. Rajcas kleines, in Maßen melodiöses Konzert ist also streng genommen nicht mehr als eine chemische Reaktion:. Und doch fasziniert es, weil der selbst gebaute Apparat – im Video fliegt er am Ende in die Luft – den berechenbaren Prozessen etwas irrlichternd Menschliches verleiht. Ergebnis eines Experiments im übertragenen Sinn ist auch jener hochgezüchtete Hund, den die Künstlerin im zweiten Video vorstellt. Nach außen perfekt, aber mit einem kleinen Defekt: Das Tier leidet an der Schlafkrankheit und fällt alle paar Minuten um. Im Zusammenklang mit dem konzertanten Trockeneis ergeben sich absurde visuelle Momente. Ihnen folgt allerdings das Erschrecken vor den Konsequenzen solcher Manipulationen, die in allem bloß eine formbare Masse sehen. Christiane Meixner

KLASSIK

Auf Bergeshöhen: das Ensemble Mini im Kammermusiksaal

Auch ein Phantom kann unter Schmerzen leiden, etwa am Arm. Und daher wurde es nichts mit dem Auftritt von Mister X. Eigentlich wollte ein gefeierter Geiger, geschützt durch die Maske der Anonymität, Weills Violinkonzert mit dem Ensemble Mini im Kammermusiksaal spielen. Doch die jungen Musiker um ihren funkensprühenden Dirigenten Joolz Gale sind auch ohne Zorro-Solisten um Überraschungen nie verlegen. Ein neues Arrangement des Adagio aus Mahlers Zehnter für 22 Instrumente und Beethovens Siebte in ihrer Uraufführungsbesetzung – das ist reichlich Futter für einen Konzertabend mit kleiner Besetzung und großen Gesten.

Bewegend, wie eine einzige Bratsche Mahlers Abschiedsgesang von der Welt anstimmt. Spannend, wie die hinzutretenden Mini-Musiker sich aufeinander einhören, gemeinsam eine Klangwelt ertasten, während ihr Dirigent ekstatisch taktiert. Die geheimnisvoll inmitten des Adagio aufragende Klangstele fällt bescheidener aus in dieser Version, ohne Effekt bleibt sie auch hier nicht. Doch gemessen an den Stürmen, die Gale mit Beethovens Siebter lostritt, bleibt Mahler nur ein zartes Lüftchen. In ersten Satz tanzen Elefanten über Bergeshöhen, was auch die eingestreuten rhythmischen Rempler hinreichend erklärt. Verwegen stürmt das Ensemble immer weiter voran, wunderbar unbeeindruckt von der Monumentalität, hinter der diese feuerköpfige Musik bisweilen versteckt wird. Gales schlagseitiges Insistieren führt im Kehraus des Finales weit aufgerissenen Auges auch zu einigen wundgespielten Stellen. Verletzungen im Furor, die nicht den Elan schwächen, wohl aber seine Wirkungsmacht. Ulrich Amling

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