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KLASSIK

Ein Finale huscht vorbei: Klavierabend mit Heidrun Holtmann

Die künstlerische Integrität verbietet der Pianistin Heidrun Holtmann alle Effekte, die sich nicht aus der Logik der interpretierten Stücke begründen lassen. Vielleicht ist sie auch deshalb viel weniger bekannt, als es die Qualität ihres Spiels vermuten lassen würde.

Man vermisst allerdings auch ein paar Effekte, die in den Noten stehen. Für die vollgriffigen Passagen in Chopins B- moll-Sonate sowie die mächtige Eröffnung von Schumanns Carnaval wirkt das Temperament Holtmanns ein wenig zu feinsinnig. Und die Aufführung von Schumanns opus 9 könnte man mit einem Titel aus den Kinderszenen als „Fast zu ernst“ bezeichnen, weil es am verschrobenen Witz fehlt, der in dem Zyklus ebenfalls steckt. Dafür gelingen Bachs E-moll- Partita und Mozarts 15. Sonate wie aus einem Guss, mit diskret hervorgehobenen Nebenstimmen und idealer Ausgewogenheit von Schönklang und „Textverständlichkeit“.

Auch in der Chopin-Sonate gibt es genug zu bewundern, etwa die glänzende Interpretation des spuk- und rätselhaft vorbeihuschenden Finales, das man fast nie so schlüssig zu hören bekommt. Und in den Mittelteilen der Sätze zwei und drei lässt Holtmann die lyrischen Themen noch einmal so frisch empfunden klingen, wie man es in dem von den jungen Stars der Pianisten-Szene müde gespielten Stück kaum noch erwarten würde.

Vier Blumensträuße werden Heidrun Holtmann nach dem Konzert überreicht. Die Künstlerin hätte sogar noch mehr Blumen, vor allem aber viel mehr Zuhörer verdient, als der Kammermusiksaal der Philharmonie an diesem Abend zu bieten hat. Benedikt von Bernstorff

FILM

Ein Bauer träumt von mehr: „Oben ist es still“ von Nanouk Leopold

Es ist noch dunkel im Schlafzimmer. Ein breitschultriger Mann Ende fünfzig, Helmer heißt er, hilft einem hustenden Alten ruppig aus dem Bett. Hievt ihn auf den Stuhl, packt ihn wie einen Sandsack über die Schulter, schleppt ihn eine steile Treppe hinauf in ein Zimmer unterm Dach. Irgendwann, so hofft der Jüngere, wird der Alte verstummen. Dann ist es still dort oben. Ein für alle Mal. So beginnt Nanouk Leopolds „Oben ist es still“. Und ist bereits mittendrin in einem Vater-Sohn-Konflikt, den die Rotterdamer Regisseurin vor allem über Berührungen, Gesten und Blicke verhandelt – nicht über Handlung und Dialoge. Wenn später die Kamera auf die faltige Hand des Vaters und Helmers sanftes Darüberstreichen fokussiert, dann steckt in dieser Geste fast ein Happy End.

Überhaupt: die Körper. „Oben ist es still“ beobachtet Männer in ihrer Nacktheit, ihrer trostlosen Härte gegen sich selbst und in ihrer dummen Sprachlosigkeit. In vier Generationen: vom Nachbarsjungen und dem drahtigen Knecht über den rundlichen Milchmann bis zum alten Vater. Im Mittelpunkt aber steht der Bauer Helmer, von Jeroen Willems – er starb im Dezember, zwei Monate vor der Berlinale-Premiere des Films – mit stiller Intensität gespielt.

Die 44-jährige Nanouk Leopold gilt neben Alex van Warmerdam, dessen finstere Familien- und Gesellschaftsgroteske „Borgman“ gerade in Cannes lief, als die wichtigste Figur im niederländischen Gegenwartskino. „Guernsey“ (2005), „Wolfsbergen“ (2007) und „Brownian Movement“ (2010, mit Sandra Hüller) liefen auf großen Festivals. Es sind stilisierte Familiengeschichten, die an Antonioni und Bresson, aber auch an die Berliner Schule erinnern: zurückgenommen agierende Darsteller, exakt komponierte, statische Einstellungen, elliptische Erzählungen mit offenen Enden.

Mit „Oben ist es still“, der auf einem Bauernhof in Zeeland spielt, zieht Leopold erstmals in die Provinz und erzählt erstmals von Männern statt Frauen. Dabei löst sich die Kamera aus ihrer distanzierten Statik mit geometrischem Bildaufbau und suggeriert taktile Nähe. Erstmals auch greift Leopold – mit Gerbrand Bakkers gleichnamigem Roman – auf eine literarische Vorlage zurück, wobei sie sich auf wesentliche Motive konzentriert. Dient Dänemark Helmer im Buch als befreiender Sehnsuchtsort, bleibt der Film auf das Hier und Jetzt des Hofes beschränkt.

Außerdem wird die Homosexualität Helmers, bei Bakker nur als Möglichkeit aufscheinend, manifest – wenn auch als bloßes Verlangen eines zutiefst einsamen Menschen. So bleibt der Roman, allen Kürzungen und Umdeutungen zum Trotz, auf geradezu magische Weise intakt. Julian Hanich

fsk, Hackesche Höfe, Zukunft (alle OmU). Am Sonntag, 16. Juni, 14 Uhr, Lesung mit dem Autor Gerbrand Bakker, Filmvorführung und Gespräch mit dem Regisseur Nanouk Leopold in den Hackeschen Höfen.

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