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KLASSIK

Erkundungen zu zweit: Blechacz und Stabrawa im Kammermusiksaal

Die Werke seines Landsmannes Karol Szymanowski wiederzubeleben, ist Herzenssache für den polnischen Pianisten Rafal Blechacz. Mit Daniel Stabrawa hat er nun den geeigneten Partner für kammermusikalische Erkundungen gefunden. Die Violinsonate d-Moll op. 9 musizieren die beiden mit einer brennenden Intensität, die über alle Klippen des ausladenden Werkes hinwegträgt – den massiven, die Errungenschaften des Vorbilds Chopin ins Riesenhafte steigernden Klaviersatz, die pathetisch auffahrenden Violingesten lässt man sich als spätromantische Attitüde eines 22-Jährigen im Jahre 1904 noch gefallen, doch die lyrischen Motive kreisen eher dünn in sich selbst.

Szymanowski scheint Anlass des gemeinsamen Auftritts gewesen zu sein, denn im ersten Programmteil stellen sich der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker und der nunmehr 28-jährige Gewinner des Chopin-Wettbewerbs 2005 solistisch vor. Dabei hat man sich um eine schlüssige, in ihrer Traditionsverwurzelung auf Szymanowski hinführende Stückfolge bemüht. Bachs Sonate g-Moll spielt Stabrawa mit meditativem Ernst und rhythmisch pulsierend, fügt dem mit der Bach nacheifernden Sonate e-Moll von Eugène Ysaÿe virtuos aufgeschäumten Farbenreichtum hinzu. Mit der „Suite bergamasque“ zollt auch Debussy dem 18. Jahrhundert Tribut, von Blechacz ebenso glasklar wie klangdifferenziert geboten. Aufs Schönste kommen dann beide Musiker in Mozarts früher F-Dur-Sonate zusammen – ein funkelnder Dialog voller Wärme und Esprit, der zu Recht die ersten Bravos hervorruft. Isabel Herzfeld

KUNST

Möglichkeit einer Insel: Exstipendiaten in der Daad-Galerie

„Berlin ist allein, ich auch. Ben“, schrieb der französische Künstler Ben Vautier 1976 in der einstigen Mauerstadt. Inzwischen ist Berlin schon lange nicht mehr allein. Während sich draußen Buskolonnen zum Checkpoint Charlie wälzen, reflektiert eine Ausstellung in der Daad-Galerie das „Inseldasein“ zwischen Mauern und Karibik (bis 27.7., Zimmerstraße 90, 10117 Berlin, Mo-Sa 11-18 Uhr). Die Kuratorinnen Kasha Bittner und Catalina Lozano haben für ihre liebevoll kuratierte Schau Arbeiten früher Daad-Stipendiaten über die Isolation von West-Berlin gesammelt. Plötzlich scheint die Zeit reif für den Rückblick, Verklärung ist dabei ausgeschlossen.

Allan Kaprows Aktion „sweet wall“ von 1970 findet sich in der Ausstellung dokumentiert. Der Amerikaner errichtete mit Brot und Marmelade eine Art Gegenmauer. Der Brite Stephen Willats untersuchte mit soziologischer Neugier die Lebensbedingungen von Inseln in der Inselstadt, dem Märkischen Viertel oder einer Schrebergartenkolonie. Diesen Blick zurück ergänzen gegenwärtige Botschaften von realen Inseln. Das Künstlerduo Allora & Calzadilla begleitet mit der Kamera einen puertoricanischen Aktivisten. Nach erfolgreichen Protesten gegen amerikanische Waffentests befestigt er eine Trompete am Auspuff seines Mopeds und erobert mit den Signalen seine Insel aufs Neue. So abgeschieden und exponiert die Insel auch sein mag, sie erscheint in dieser geistreichen Ausstellung als stabile Einheit. Der Sehnsuchtsort Insel wird hier zum Hort des Widerstands. Simone Reber

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