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KLASSIK

Hoch am Wind: Das DSO unter

Tugan Sokhiev in der Philharmonie

Was für einen Weg haben Tugan Sokhiev und sein Deutsches Symphonie-Orchester in ihrer ersten Saison zusammen zurückgelegt! Wer erinnert sich noch an das stilistische Wackeln des Antrittskonzerts, und wer zweifelt nach seinem Brahms noch ernsthaft daran, dass der neue Chef aus Ossetien auch das klassische Kernrepertoire beherrscht? Sokhiev gelang es schnell, jene zu überzeugen, die in ihm vor allem einen Klangoberflächenveredler ausmachen wollten. Seine Musiker hat er ohnehin in Bann gezogen, und sie zeigen unter seiner Leitung, welches Potential im DSO steckt. Etwa mit den ersten Takten von Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre, mit der das Konzert zum Saisonabschluss in der Philharmonie anhebt. Alles darin ist feinstes Spiel, das sich nicht vorschnell dem Zwang aussetzt, ein Naturerlebnis abbilden zu wollen. Die Schauer rühren nicht aus Seegang und Sturm, sondern aus der beinahe unheimlichen Klangkultur, auf der die Musiker hier hoch am Wind segeln.

Überaus fein gesetzt auch die Programmbezüge zwischen Mendelssohn, Korngold und Schubert. Korngolds Violinkonzert, mit dem das einstige Wiener Wunderkind einen Strich unter seine Karriere als Hollywood-Komponist zieht, klingt unter Sokhiev keinen Augenblick nach Zuspätromantik. Vadim Gluzman spielt es nicht als Kompendium von Filmmotiven, sein voller Stradivari-Klang wird niemals übergriffig. Auch für Schuberts Große C-Dur-Symphonie findet Sokhiev einen unsentimentalen Zugriff, der seine Orchestergruppen strahlen lässt. Viel Energie wird in das Wunderwerk gepumpt – noch strömt weniger wieder zurück. Noch. Ulrich Amling

ROCK

Hart am Bass: Queens of the

Stone Age in der Zitadelle Spandau

Um 21.34 Uhr geht in Spandau die Sonne unter. Dafür lugt ein animierter blutroter Feuerball auf der Leinwand hinter Bergen hervor. Himmels- und Sonnenanbeter Josh Homme lässt seine Fangemeinde wissen: „Heaven smiles above me“, um dann auch den dazugehörigen Song („No one knows“) anzustimmen. Einem großen Wüstenrocker wie ihm kommt es entgegen, wenn der Himmel über der Zitadelle am Samstagabend so wolkenfrei daherkommt wie in Colorado: „What a beautiful fucking night“.

Seine Band, die Queens of the Stone Age, darf man als eine der bedeutenderen Erneuerer des Rock im neuen Jahrhundert ansehen. Sänger und Mastermind Homme findet in seiner Hitkiste große Songs der vergangenen fünf Alben, der maximal verzerrte Bass wummert unvergleichlich. Die Queens haben eine sehr eigene Spielart des Rock geschaffen, und doch haben sie schon besser improvisiert. Besonders mit dem früheren Drummer Joey Castillo erreichten sie früher live eine ganz andere Klasse.

Heute wird die Melange aus Wüstenrock, Stonerrock, Pop und Psychedelic eher routiniert runtergespielt. Die Band hat allerdings ein zu großes Repertoire, als dass man das 90-minütige Set hätte enttäuschend finden können. Mehrere tausend Leute singen „Little Sister“ oder „Burn The Witch“ mit, stadionrocktaugliche Hymnen, die auch auf der Spandauer Burg nicht an Kraft verlieren. Nur Josh Homme und Balladen, diese Rechnung geht nicht auf. Ein Nachbar raunt etwas von Elton John. Und trotz des guten Sets: Ein bisschen ausführlicher als in Spielfilmlänge hätten sich die fünf Herren schon austoben dürfen. Jens Uthoff

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