KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tomasz Kurianowicz
Katholizismus und Kommerz. „Lourdes“ (2008) von Johanna Kandl.Foto: H. Kandl
Katholizismus und Kommerz. „Lourdes“ (2008) von Johanna Kandl.Foto: H. Kandl

KUNST

Verklärung: Bilder von Wallfahrern

in der Galerie im Körnerpark

Wenn Katholiken zu Wallfahrtsorten pilgern, zeigen sie sich gern von der enthemmten Seite: knien, kriechen, weinen, beten – schließlich sind sie vollkommen unter sich. Es sei denn, Künstler mischen sich unters Volk und dokumentieren das Spektakel mit behutsamem Blick. Das haben Johanna und Helmut Kandl getan und ihre Erfahrung in Kunstobjekten verarbeitet, die jetzt in der Galerie im Körnerpark zu sehen sind (bis 28.7., Di-So, 10-20 Uhr). Darunter sind Collagen, Malereien und Videos, auf denen man die Gebetspraktiken von Ultra-Religiösen mitverfolgen kann – wie etwa die Weihe eines Autos, den Kriech-Marathon um einen Brunnen oder die Massenproduktion von Marienstatuetten. Die Ausstellung „Maria, breit den Mantel aus. Von Wunderglauben und rätselhaften Erscheinungen“ porträtiert die Verbindung von Glaube und Kommerz, die an Wallfahrtsorten wie Lourdes, Medugorje, Czenstochau oder Mexiko-Stadt zu beobachten ist. Von Gläubigen werden die Orte kritiklos verehrt, doch zugleich sind sie Zentren des florierenden Kirchentourismus. Ist das nicht ein Widerspruch?

Klar, es ist einfach, sich über so viel Scheinheiligkeit lustig zu machen. Doch das tun die Künstler nicht. Vielmehr nähern sie sich zärtlich einem Kosmos, in dem Geistliches und Weltliches aufeinandertreffen und dabei heimliche Allianzen bilden. Man sieht betende Nonnen und fotografierende Jugendliche, dazwischen die Frage: „What do you believe in?“ Unerwartete Zusammenhänge tun sich auf: Glauben nicht auch Atheisten? Ist der Unterschied zwischen einem manischen Katholiken und einem technikverliebten Hipster wirklich so groß? Der eine streichelt die Marienfigur, der andere sein iPhone. Am Ende wirken beide wie nicht von dieser Welt. Tomasz Kurianowicz

KLASSIK

Abschied: Das Tokyo String Quartet im Kammermusiksaal

In der feinen, kleinen Kammermusikreihe KD 211 im Maison de France tritt das Tokyo String Quartet im Rahmen seiner Abschiedstournee ein letztes Mal vors deutsche Publikum. Seit 2002 musiziert das Ensemble in der aktuellen Formation, der Bratschist Kazuhide Isomura ist als einziges noch aktives Gründungsmitglied seit 1969 dabei. In Berlin stellt das vom hervorragenden Primarius Martin Beaver angeführte Quartett ein relativ kurzes, aber hoch anspruchsvolles Programm vor, das in mehrfacher Hinsicht um den Gedanken des Abschieds kreist: Die Einleitung zu Haydns „Über die sieben letzten Worte unseres Erlösers“ eröffnet, Bartoks letztes Quartett beschließt den Abend, dazwischen Weberns frühes Streichquartett in E-Dur, in dem sich der Komponist hörbar schweren Herzens vom überreifen Wagnererbe losmacht.

Dass sich manches bei den älteren Mitgliedern des Quartetts eher als Idee denn in perfekter technischer Umsetzung vermittelt, trägt noch zum bewegenden Charakter des Auftritts bei. Bestechend erscheint nach wie vor der gemeinsame Geist in Phrasierung und dynamischer Abstufung, bei Webern beeindruckt der Sinn für harmonische Schwerkraft, die den Tonsatz trotz aller Chromatisierung immer wieder in die Konsonanz zurücksinken lässt. Um Bartoks sechs Quartette hat sich das Ensemble besonders verdient gemacht. Zu den Quinten der Geigen verstummt die spröde wie schwermütige Komposition mit den wie staunend vorgetragenen Pizzicato-Akkorden von Cellist Clive Greensmith. Um die Zukunft des Quartettspiels muss man sich bekanntlich gerade keine großen Sorgen machen. Der Cellist des Artemis-Quartetts, Eckart Runge, sitzt sichtlich berührt im Publikum. Vermissen wird man die Tokioter gleichwohl. Benedikt von Bernstorff

0 Kommentare

Neuester Kommentar