KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Foto: Jens Ziehe/Leihgabe T. Fritta-Haas
Foto: Jens Ziehe/Leihgabe T. Fritta-Haas

KLASSIK

Musik und Mathematik: das Duo

Tal & Groethuysen spielt Wagner

„Auch Dr. Pringsheim hier“, notiert Cosima Wagner 1876 in ihr Tagebuch. Es geht um die ersten Bayreuther Festspiele und die strapaziösen Vorbereitungen für den „Ring des Nibelungen“. Zu den Ankömmlingen gehört der junge Alfred Pringsheim aus reichem jüdischen Haus, der spätere Schwiegervater von Thomas Mann. Wie er die Generalproben beobachtet und als durchaus kritischer Wagnerianer für sich beschrieben hat, ist jüngst im Nachlass eines Wagner-Enkels entdeckt worden. Jude, Freund und Förderer Richard Wagners, starb Alfred Pringsheim 1941 im Zürcher Exil, wo seine Witwe Schriftliches verbrannte, darunter auch Briefe von Wagner.

Ein israelisch-deutsches Klavierduo kam nun auf Einladung der Brandenburgischen Sommerkonzerte in den Spreewald, um an die Wagner-Bearbeitungen Pringsheims zu erinnern. Das ist mehr als Wahrnehmung einer Marktlücke im Wagnerjahr, weil darin auf bewegende Weise deutsche Geschichte spricht. Yaara Tal und Andreas Groethuysen spielen – an zwei vor den Altar der Paul-Gerhardt-Kirche in Lübben gestemmten Flügeln – Pringsheim-Arrangements aus der „Götterdämmerung“. Dabei ist zu bedenken, dass der Bearbeiter von Beruf kein Musiker war, sondern Doktor der Mathematik. Das Duo Tal & Groethuysen, mehrfach preisgekrönt von der Schallplattenkritik, kombiniert die Szenen mit französischer Musik aus Wagner-Nähe, pianistischer klingend bei Debussy, wenig atmosphärisch bei Dukas, der sich das „Tannhäuser“-Bacchanale vorgenommen hat.

Virtuos, sensibel, dienend aber machen die Interpreten mit Pringsheim die Leitmotive bildhaft, wenn es um die vergangenen Abenteuer Siegfrieds und Brünnhildes geht. So wie Thomas Mann den Trauermarsch als Gedenkfeier unübertroffen geschildert hat: „ ... das Liebesmotiv seiner geschwisterlichen Eltern, wunderbar heraufgeführt; das mächtig aus der Scheide fahrende Schwert ... “ Das klingt hier beredt aus zwei Klavieren.

Die Worte stehen in einem Vortrag Thomas Manns, gehalten 1937, nachdem er Abschied genommen hat von Deutschland, nicht aber von seiner Bewunderung Wagners. Sybill Mahlke

KUNST

Mut zur Wut: Politische Plakate

in der Akademie der Künste

Eine aufgeschlitzte Papaya, deren Innenleben entblößt ist, stiert ungläubig aus kugelrunden Augen. Über der klaffenden Wunde im Fruchtfleisch erstreckt sich der Schriftzug „Stop Female Genital Mutilation“. Elmer Sosas Plakat ist als Protest gegen Frauenbeschneidungen konzipiert. Es prangert, ebenso wie die 79 weiteren Motive der Ausstellung „Mut zur Wut“, gesellschaftliche Missstände der heutigen Welt an. Die Bilder sind im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs entstanden, der 2010 in Heidelberg ausgerufen wurde und der seither jährlich Künstler herausfordert, das Publikum mit Plakaten politisch und sozial wachzurütteln. Die Themen sind weit gefächert: Es geht gegen Umweltverschmutzung, falsche Facebook-Freunde, gedankenlosen Konsum, Krieg, Globalisierung oder klerikale Pädophilie. Die Plakate sind schrill, zynisch, witzig und provokant – verstörend und zugleich vergnüglich für den Betrachter. 30 Motive werden jedes Jahr gekürt und in der Heidelberger Innenstadt plakatiert. Die Akademie der Künste zeigt nun ausgewählte Protestwerke im halb öffentlichen Raum, unterm Dach im Café (Pariser Platz 4, bis 31.7., tgl. 10-22 Uhr). Wie auch in freier Wildbahn müssen die Motive um die Aufmerksamkeit des Betrachters buhlen – weil der Tresen mit Kuchenkreationen und Kaffeeduft lockt und weil die Plakate eng gestaffelt und zum Teil in erstaunlich großer Höhe platziert sind. Das ist schade, denn so sind viele der sehenswerten Stücke nur schwer zu entziffern und angemessen zu bewundern. Anne Cramer

KUNST

Gegen die Lüge: Bedrich Frittas

Zeichnungen im Jüdischen Museum

„An diesem Platz, in dieser Stadt, in diesem Land“ – so David Haas, der Enkel des Karikaturisten, Werbegrafikers und Zeichners Bedrich Fritta emphatisch im Jüdischen Museum – wollten die Nachfahren dessen Arbeiten erstmals in vollem Umfang öffentlich zeigen (Lindenstr. 9-14, bis 25. 8.; tgl. 10- 20 Uhr, Mo bis 22 Uhr). Der tschechisch-jüdische Künstler musste im Ghetto Theresienstadt Propagandamaterial für die SS anfertigen, um der Außenwelt einen normalen Alltag zu suggerieren. Die Ausstellung zeigt heimlich entstandene Zeichnungen Frittas, die jene inszenierte Welt expressiv dekonstruieren. Mit überspitzt dargestellten Figuren entwickelt er eine visuelle Sprache, die auf beeindruckende Weise die Allgegenwart des Todes einfängt. Als häufiges Motiv finden sich die wimmelnden Menschenmengen in Sammelunterkünften oder auf der Straße, trotz der überzeichneten Gesichtszüge scheint durch die pure Masse jedwede Individualität verloren zu sein. Fritta zeigt auch kulissenartige Attrappen aus Cafés und Parfümerien, die die Leichenberge nur für den flüchtigen Blick zu verbergen vermögen. Das Bilderbuch, das Fritta für seinen dreijährigen Sohn malte, bildet einen Kontrast zur grausamen Realität des Ghettos und zeugt von der Vielfalt seines Schaffens. So würdigt die Ausstellung Frittas Arbeiten erstmalig auch als Kunst und nicht nur als zeithistorisches Dokument. Friederike Höll

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