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Beständig. Dusty Hill und Billy Gibbons von ZZ Top beim Synchronrocken. Foto: dpa Foto: dpa
Beständig. Dusty Hill und Billy Gibbons von ZZ Top beim Synchronrocken. Foto: dpaFoto: dpa

KLASSIK

Intensität intensiv:

Valery Gergiev in der Philharmonie

Das Festkonzert zum Abschluss des Russlandjahres in Deutschland und des Deutschlandjahres in Russland beginnt natürlich mit Reden. Staatsduma-Chef Naryschkin, der jüngst den Vorschlag von Bundespräsident Gauck zurückwies, Russland könne dem deutschen Vorbild folgen und seine Geschichte bereuen, lobte die strategische Partnerschaft beider Länder. Kanzleramtschef Pofalla betonte, man müsse offen über Meinungsverschiedenheiten reden, und pries die Intensität der Beziehungen als „intensiv“. Valery Gergiev, der Star- und Staatsdirigent von Putins Gnaden, gab mit seinem Auftritt in der Philharmonie beiden Rednern recht: Ein aufführungsgeschichtlicher Wandel kommt für den Chef des Mariinsky-Theaters nicht infrage, während die Intensität seiner Interpretationen stets intensiv zu nennen ist.

Dabei kann sich Gergiev auf die absolute Gefolgschaft seiner St. Petersburger Musiker verlassen. Am liebsten tritt er ganz ohne Pult und Podest vor sie hin, mischt sich ohne Taktstock unter sie, wird ihr deutlich zu vernehmender Atem. Eine Autorität, die Hingabe vorlebt, schweißgebadet. Den Auftakt muss Wagner machen, das Vorspiel zum „Lohengrin“. Welches Stück wäre besser geeignet, um Gergievs Kunst des Abdunkelns aufglimmen zu lassen und die mächtigen Schwingen seines Orchesterunisono zu entfalten. Darauf folgt „Wotans Abschied“ mit René Pape als gemessen liebeswundem Gott, der einen Ring aus Feuer um die Herzenstochter schlägt. „Mit zehrenden Schrecken / scheuch’ es den Zagen“ – darin sind sich Pape und Gergiev strategisch handelseinig. Schostakowitschs 2. Klavierkonzert dagegen bräuchte auch im Orchesterpart gleißende Ecken und Kanten, die Gergiev allein vom wunderbar treffsicheren Pianisten Denis Matsuev herausmeißeln lässt. Die Unterhaltsamkeit wächst dabei in gleichem Maße, wie die Prägnanz der Musik abnimmt.

Sarkasmus bleibt Gergiev auch in Tschaikowskys „Pathétique“ fern, deren erste Takte so erdenschwer anheben, so resignativ, dass es unmöglich erscheint, von hier aus weitererzählen zu können. Doch der Maestro und seine beherzten Musiker schaffen das Unmögliche und erreichen musikalisches Wachstum ganz ohne einen Lichtstrahl, ohne einen zarteren Hauch der Erinnerung. Ein faszinierender Kraftakt, in dessen Schatten sich Ernst und Schweiß wie Firnis über die Partitur legen. Nach drei Stunden geht es unter Jubel zu Ende, das deutsch-russische „Kreuzjahr“. Ulrich Amling

ROCK

Gib mir deine ganze Liebe:

ZZ Top in der Zitadelle Spandau

Alles irgendwie staubig bei den Texanern ZZ Top: die Typen, die Optik, der Sound. Nein, nicht angestaubt, staubtrocken eher. So ist auch der Humor von Billy Gibbons, wenn er die Band nach 43 Jahren ihrer Existenz treffsicher auf den Punkt bringt: „Same three guys! Same three chords!“ Und eigentlich sind es auch immer dieselben drei Songs, die sie spielen, in unterschiedlichen Variationen. Blues, Boogie, Shuffle. „Got Me Under Pressure“, „Waiting For The Bus“, „Jesus Left Chicago“. Alles wie gehabt, alles wie immer. Und genau das wollen die Fans in der ausverkauften Zitadelle hören und sehen. Wie Frank Beard am Riesenschlagzeug auf rhythmischen Kurs geht und 70 Minuten lang eisern vorwärtsdampfert. Und vorne Dusty Hill und Billy Gibbons im elektrisierenden Synchronballett an Bass und Telecaster ruckeln und zuckeln. „Gimme All Your Lovin’“.

Wobei sie aussehen wie alte Goldgräber aus einem Micky-Maus-Heft: hohe, staubige Hüte, schwarze Sonnenbrillen, lange graue Bärte. Die wehen im milden Abendwind und flattern im scharf verzerrten Blues-Rock-Geriffe der Erfolgsalben „Eliminator“ (1983) und „Tres Hombres“ (1973). Gibbons krächzt dazu mit heiserer Stimme, die immer mehr Ähnlichkeit bekommt mit der von Motörheads Lemmy. Heftig von der Menge bejubelt und betanzt werden dann auch die Songs des jüngsten Albums „La Futura“, mit dem der Produzent Rick Rubin der Band nach fast zehnjähriger Veröffentlichungspause zu einem kräftigen Comeback verholfen hat. Mit der Rückbesinnung auf die alten Tugenden: das Analoge, den Blues, das Erdige, das Staubige. Zu den Zugaben auf der Zitadelle donnert es dann nicht nur von der Bühne, sondern auch aus den Wolken. H.P. Daniels

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