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Tomasz Kurianowicz
Das Festivalplakat. Foto: promo
Das Festivalplakat. Foto: promo

KLASSIK

Klangtornado: Kammerakademie Potsdam in Neuküstrinchen

Da muss man erst zum Brandenburgischen Sommerkonzert nach Neuküstrinchen fahren, um zu verstehen, was sich Mozart mit seinem Hornkonzert Nr. 4 so alles gedacht hat: In der 1771 erbauten Kirche kommt jeder Ton mit einem leichten, charmant versetzten Echo an, was der Komposition einen ganz unvertrauten organischen Zusammenhalt verleiht. Das mag auch an Alessio Allegrini liegen: Der Solohornist nutzt jeden Atemzug, um die halsbrecherischen Quintsprünge mit der Ruhe und Ausdauer eines entschlossenen Kämpfers zu betonen. Gerade der erste Satz fällt ungeheuer präzis aus – ebenso die Kadenz, die den Italiener dazu antreibt, Mozarts Stück in geradezu jazzige Gefilde zu leiten. Das Solo klingt schneller, kecker, gerissener als der Anfang. Man könnte diesen Zusatz sogar irritierend finden, wenn er nicht so messerscharf und umwerfend deutlich gespielt wäre.

Die Kammerakademie Potsdam spielt sich unter der Leitung von Antonello Manacorda in ein musikalisches Furioso hinein. Immerhin steht mit Schuberts Sinfonie Nr. 6 eine Komposition auf dem Programm, die höllisch köchelnd und zugleich in sich ruhend zu spielen ist. Der Widerspruch geht auf: Fast ironisch tönt der Scherzo-Satz, der sich im heißen Kirchenraum wie ein Klangtornado entfaltet. Die Musiker sind jetzt nicht mehr zu bremsen. Sie stürmen das Allegro moderato wie eine Festung, die blitzschnell erobert werden will. Abkühlung braucht man jetzt im bezaubernden Dorf, das ein Stück vollendeter Musikgeschichte erlebt hat. Tomasz Kurianowicz

ANTI-FOLK

Zaubergarten: „Down by the River“, ein Festival im About Blank

Bei Freiluftveranstaltungen gehört etwas Glück mit dem Wetter einfach dazu. Zur fünften Ausgabe des eintägigen „Down by the River“-Festivals ist der Hochsommer in Berlin angekommen und beschert der Veranstaltung im Club About Blank beste Bedingungen. Die erste Ausgabe des MiniWoodstocks in Berlin fand noch in der Bar 25 am Spreeufer statt; mit der Schließung des Strandclubs zog man ins Kater Holzig um und nun in den Technoclub am Ostkreuz.Er verfügt zwar über keine Anbindung an ein Gewässer, dafür aber über einen riesigen Garten, ein Märchenwald, in dem man sich verlieren kann.

Auch das About Blank ist mehr als nur ein Club, in dem man die Wochenenden durchtanzen kann. Es wird von einem linken Kollektiv betrieben, veranstaltet Queer-Partys, betreibt im Sommer ein Freiluftkino. Ein guter Ort also, um das „Festival für unerhörte und windschiefe Töne“ zu beherbergen, das längst einen besondern Ruf genießt. Hier treten seit jeher eher die sperrigen, eigensinnigen Bands und Musiker auf, Leute, die sich um den kommerziellen Erfolg nicht scheren. Man fühlt sich dem sogenannten Anti-Folk verpflichtet. Er stammt aus New York, greift auf die Singer-Songwriter-Tradition von Bob Dylan oder Joan Baez zurück und will gleichzeitig den erstarrten Konventionen des Folkgenres entgegentreten.

Auch dieses Jahr gibt es bei „Down by the River“ jede Menge Acts aus aller Welt, bei denen die Akustikgitarre im Vordergrund steht und auf ein Schlagzeug verzichtet wird. Steffen Basho-Junghans beispielsweise, ein schratiger Herr, der seine 12-saitige Gitarre meisterhaft beherrscht. Er sitzt in einer Holzhütte im Garten des About Blank, mit Kaufhaus-Sandalen an den Füßen, das Hemd bis zum Bauchnabel geöffnet. Vor all den Familien mit Kindern und den HipsterHippies, die sich eingefunden haben, spielt er seinen Steelstring-Folk und kommt damit bestens an.

Zwei Bühnen sind aufgebaut. Ist der Auftritt eines Künstlers beendet, wird man mit launigen Ansagen dazu aufgefordert, schnell zur anderen Bühne zu wechseln. Zu Toby Goodshank etwa, der einmal mit Adam Green in einer Band spielte. Auf dem Festival lässt er sich von einem Mandolinenspieler begleiten. Am Ende seines Auftritt fliegen Konfettischlangen, es wird getanzt. Und nirgendwo ein Anflug von Festivalhektik im Zaubergarten des About Blank. Andreas Hartmann

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