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Es wird eng. Eduardo Noriega spielt einen Macho in der Midlifekrise. Foto: Camino
Es wird eng. Eduardo Noriega spielt einen Macho in der Midlifekrise. Foto: Camino

TANZ

Du bist mein Plüschtier: 

„Everything else“ im Uferstudio

Sie haben sich richtig fein gemacht, die beiden Tänzer Hyoung-Min Kim und Tommi Zeuggin. Sie ist in ein schwarzes Kleid mit weißem Kragen geschlüpft, er trägt einen schwarzen Anzug mit blütenweißem Hemd. Das ist nicht gerade ein Outfit, das in der Berliner Tanzszene gerade besonders angesagt wäre. Die Performance „Everything else“ (Uferstudio 5, noch zwei Vorführungen, 13. und 14. Juli, jeweils 20.30 Uhr) hebt sich nicht nur von dem Look der Neukölln-Hipster und inzwischen auch der Wedding-Bohemiens ab, sie folgt auch keinerlei tänzerischen Moden. Nach ihrer „Ghost“-Trilogie haben die Koreanerin und der Schweizer sich nun für die Form eines intimen Duetts entschieden.

Das Bühnenbild besteht aus nicht mehr als einem schwebenden Tür- und Fensterrahmen. Gut, zusätzlich streckt noch ein verdorrtes Bäumchen seine dürren Zweige aus. Keine Frage, das karge Requisiten-Ensemble signalisiert: Hier sollen innere Räume betreten werden. Ihr Stück handelt programmatisch von jenem Augenblick, der zu einer besonderen ästhetischen Erfahrung wird. Dieser Moment, der die Routine unterbricht, kann zum Beispiel der Anblick eines toten Vogels sein. Hier verwandeln sich Kim und Zeuggin selber tänzerisch in eine zuckende, verendende Kreatur. Äußerst rabiat geht es immer dann zu, wenn beide aufeinandertreffen. Er presst sie an sich wie ein Plüschtier, zieht sie an den Haaren, so dass sie ihm folgen muss.

Zum Ende hin blitzt ein schräger Humor auf. In ihrem kleinen Schwarzen setzt die Tänzerin sich auf eine Tomate, ganz so, als wolle sie brüten. Sie ruckelt kurz, bis die Frucht zerquetscht ist. Dieses mutwillige und wie lustvolle Zermatschen wiederholt sie einige Male. Neben solch sonderbaren, noch interpretationstauglichen Momentaufnahmen gibt es allerdings auch Passagen, die den Zuschauer vollends ratlos machen. Zu träumerischer Klaviermusik kauert Kim sich anfangs anmutig zu Boden und liest in einer schwarzen Kladde. Später wird Zeuggin sich über das Heft beugen – vielleicht ein Tagebuch? Werden wir jemals genau wissen, was den anderen bewegt? In „Everything else“ bewegen die beiden Performer sich in ihrer eigenen Welt. Der Rest ist Ketchup. Sandra Luzina

FILM

Ich geh zu Mutti:

„Ein Freitag in Barcelona“

So sind die Männer von Barcelona: Einer verfolgt seine Frau bis zur Wohnung ihres Geliebten, ein anderer bändelt mit seiner Arbeitskollegin an, obwohl Kind und Frau zu Hause warten. Einer erkennt, dass es ihm trotz seiner Panikattacken und Depressionen besser geht als seinem Studienfreund; der hat Job und Frau verloren, weshalb er wieder bei Mutti haust. Und noch ein anderer weiß nun, dass es ein Fehler war, seine Frau für eine andere zu verlassen. Dumm nur, dass sie gerade eine neue Familie gründet. Tja, das Leben kann sehr ironisch sein.

So geht es den Männern jedenfalls an einem „Freitag in Barcelona“ (in Berlin in den Kinos Babylon Mitte, Cinemaxx, Eiszeit und fsk) – und so nüchtern auch hat Cesc Gay seinen Film betitelt. Nur: Das Stadtpanorama kommt dabei kaum vor, allenfalls als Augenblicks-Totale zwischen den seelenklaustrophobischen Geschichten, die in Höfen, Wohnungen, Autos oder Supermärkten spielen. Und Filmmusik erklingt allenfalls im Hintergrund – aus dem Radio oder wenn ein Nachbar Klavier übt. Immerhin: Spanische Stars wie Ricardo Darín und Luis Tosar veredeln das Kollektivpsychogramm der Machos von der traurigen Gestalt, die auch in höchst emotionsgeladenen Situationen noch die cool guys zu geben suchen. Das ist natürlich komisch – und wie auch soll man, fragt Regisseur Cesc Gay ganz generell in seinem Film, Männer in ihrer Midlife-Identitätskrise ernst nehmen, erst recht, wenn sie sich selber furchtbar ernst nehmen? Hübsch immerhin, dass sich freitags in Barcelona alles um die Frauen dreht.Friederike Höll

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