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KLASSIK

Fetzig: Das Kammerorchester Berlin spielt Vivaldi und Piazzolla

Die Aufführung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in der Potsdamer Erlöserkirche widerlegt wieder einmal glanzvoll Strawinskys bösartige Behauptung, der italienische Barockkomponist habe im Grunde immer wieder ein und dasselbe Stück geschrieben. Eher denkt man bei der im Anschluss aufgeführten Piazzolla- Komposition zum selben Thema, dem Erfinder des „Tango nuevo“ würde eine solche Feststellung weniger unrecht tun.

Die Unverwechselbarkeit dieser selbstverständlich unwiderstehlichen Musik scheint doch auf eine insgesamt überschaubare Menge von harmonischen und rhythmischen Elementen zurückzugehen. Jedenfalls wirken Vivaldis Jahreszeitenbilder in der reizvollen Gegenüberstellung origineller, plastischer und, als Programmmusik, auch variabler. Dem Kammerorchester Berlin gelingt im Rahmen der Brandenburgischen Sommerkonzerte eine so kultivierte wie fetzige Interpretation. Wunderbar bereits die klangliche Staffelung im langsamen Satz von Vivaldis „Frühling“, in dem der Sologesang sich über dem Murmeln der begleitenden Geigen aufschwingt, während die Bratsche kräftig ihr Motiv hereinruft. Und obwohl die Sonne durch die Kirchenfenster scheint, fröstelt es den Zuhörer bei den eisigen Flageolett-Tönen, die die Solistin dem tranceartigen „Herbst“-Adagio beimischt. Die Geigerin Katrin Scholz, die das Konzert auch leitet, meistert die Herausforderung eines ausschließlich aus Violinkonzerten bestehenden Programms mit souveränem Überblick und untrüglicher Intonation; nur zu Beginn wirkt die Artikulation etwas unflexibel.

Benedikt von Bernstorff

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