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POP & KLASSIK

Lustig: Orchesterkaraoke

zum Ausklang von „Foreign Affairs“

Die letzten Töne von „Over the Rainbow“ erklingen – und spontan reißt es das Publikum von den Sitzen, als würde da vorne Placido Domingo stehen. Dabei hat sich beim sogenannten Orchesterkaraoke, das zum Abschluss des „Foreign Affairs“-Festivals im Haus der Berliner Festspiele stattfindet, nur ein bescheiden wirkender Herr gemeldet, um gemeinsam mit dem Junge-Sinfonie-Orchester Berlin den Songklassiker zu intonieren. Aber er macht das eben so gut, dass man kaum glauben mag, dass das vorher nicht geprobt wurde. Orchesterkaraoke ist für Berlin ein neues Format – aber es hat so viel Potenzial, dass man es an diesem Ort sogleich fest etabliert wünscht. Karaoke heißt ja sonst oft: Jemand singt mehr schlecht als recht zu Hitmelodien vom Band, und alle finden es gut, solange der Alkoholpegel stimmt. Beim Orchesterkaraoke jedoch trägt ein echtes Sinfonieorchester live Arrangements bekannter Songs von den Beatles bis zu Coldplay vor, und schon das hat einen gewissen Reiz. Aus dieser sehr speziellen Form des Klassikkonzerts machen dann die Sänger eine wahre Party. Etwa das Duo, das Madonnas „Like a Prayer“ vorträgt. Die beiden wechseln sich gekonnt bei den Strophen ab, als wären sie professionelle Madonna-Imitatoren. Oder der Typ, der sich für Deichkinds „Bück dich hoch“ gemeldet hat, wo so schnell gerappt werden muss, dass man mit dem Lesen des Textes kaum hinterherkommt: Er rappt das Stück souverän runter und findet noch die Muße, ein paar typische Rapper-Gesten zu performen. Am Ende eines denkwürdig unterhaltsamen Abends darf sich das Publikum noch gehörig selbst feiern und Frank Sinatras „My Way“ singen. Und jetzt alle! Andreas Hartmann

KLASSIK

Leidenschaftlich: Natalia Ehwald spielt Schubert und Schumann

Bei Natalia Ehwald gleicht Klavierspielen, man darf das wohl so sagen, einer Religion: Hinsetzen, dann erst mal gefühlte zwei Minuten warten, bis völlige Stille im Curt-Sachs-Saal des Musikinstrumenten-Museums herrscht, innere Sammlung, der Blick zur Decke geheftet, als würde dort eine Heiligenstatue hängen oder zumindest der Notentext. Mit großer Geste einatmen, die ersten drei Akkorde setzen von Schuberts G-Dur-Sonate D 894 – Musik, die aus dem Nichts zu kommen scheint.

Manierismen, klar sind das Manierismen, die die 30-Jährige im Rahmen der Sommermatineen der Gotthard-SchierseStiftung (wieder 21. und 28.7., 4., 11. und 18.8.) zart übertrieben kultiviert. Aber man sieht es ihr nach, denn ihr (vollständig auswendiges) Spiel ist keineswegs hingekünstelt, sondern entspringt vielmehr einer glaubhaften, bestürzenden Empfindungstiefe. Damit darf sie dann auch übers Ziel hinausschießen: Schuberts zum mittleren Werkkreis gehörende, noch eher harmlos-plätschernde Sonate scheint – als unbeschwertes Fantasiestück – unter dem monumentalen Zugriff zu zerbersten. Vor allem die von Schubert zwar gewollten krassen dynamischen Gegensätze treibt Ehwald ins Extrem. Ihr Forte knallt und scheppert, wobei allerdings die Breite ihres Ausdrucks mit den girrenden Läufen und tändelnden Rhythmen überzeugt. Da darf sogar so ein Stückchen schon mal Schauplatz eines Weltringens sein. Bei Schumanns Humoreske op. 20. dann hat es diese Pianistin schon leichter: Denn ganz gegen seinen munteren Titel ist dies ein bedeutungsschwangeres Werk, in dem Schumann völlig verschiedene Formtypen auf irritierend moderne Weise zusammengefügt hat. Udo Badelt

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