KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Florian Zimmer-Amrhein

HIP-HOP

Märchenonkels: KRS One

im Festsaal Kreuzberg

Das Hip-Hop Urgestein Lawrence Krisna Parker alias KRS One auf der Bühne – das heißt immer auch ein bisschen musikalische Märchenstunde. Der gebürtige New Yorker macht seit über 25 Jahren international beachtete Rapmusik und ist als Vater des „Boom bap“ und als Autor von Evergreens wie „Sound of da Police“ oder „Step into a world“ eine der prägenden Figuren des Genres. Dass er sein Handwerk beherrscht wie nur wenige, beweist er am liebsten live. Am Freitag im Festsaal Kreuzberg lässt der Altmeister zunächst lange auf sich warten. Erst kurz nach Mitternacht zeigt er sich mit zugeknöpftem Parker und Beanie-Mütze und ist – im proppenvollen Saal und bei brütender Hitze – sofort völlig durchgeschwitzt. Zur Freude der Fans präsentiert KRS One eine akustische Zeitreise durch 40 Jahre Hip-Hop-Geschichte. Neben eigenen Klassikern aus den 80ern wie „Criminal Minded“ und „9mm Goes Bang“ spielt er auch Titel namhafter Kollegen wie DJ Premier, EPMD oder Ol’ Dirty Bastard an. Zum Verschnaufen dazu kurz mal James Brown und ein spontaner Breakdancebattle mit Tänzern aus dem Publikum. Die anschließenden bassigen Reggaebeats bringen den Festsaal erst recht zum Kochen. Sogar Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ werden während des punktgenau einstündigen Auftritts als Rapsong geremixt. Dass selbst dieses Kunststück erstaunlich kongenial gelingt, ist die angemessene Entschädigung für ein denn doch zähes, zweistündiges Vorprogramm. Florian Zimmer-Amrhein

NEUE MUSIK

Protestierer: Das Festival relevanter Musik in der Villa Elisabeth

Eine Prinzessin im Elfenbeinturm, die ruft: „Niemand liebt mich“ – diesen Eindruck hinterlässt zeitgenössische Musik nur allzu oft. Für Lobbyvereinigungen wie das Netzwerk Neue Musik vor allem ein Problem mangelnder öffentlicher Präsenz: Wir müssen sichtbarer werden. Der Verein Freunde guter Musik fragt anders: Ist das, was wir machen, überhaupt wert, sichtbar zu werden? Und veranstaltet in der Villa Elisabeth und der St. Elisabeth-Kirche ein „Festival relevanter Musik“ (noch am 21.7.). „Relevant“ ist hier nicht auf die Form bezogen, sondern meint „politisch relevant“, und doch fasziniert, wie am Eröffnungsabend Inhalte direkt die musikalische Form prägen. Bob Ostertag etwa: Der Amerikaner hat 1993 schwule Proteste in San Francisco aufgenommen und basierend auf den Pegelausschlägen „All The Rage“ für Streichquartett komponiert. Das Kammerensemble Neue Musik Berlin führt das Stück mit fiebriger Hingabe auf, während zornige Stimmen vom Tonband schallen – sie sind integraler Teil der Komposition. Oder der Iraker Hiwa K., der in seinem Film „This Lemon Tastes of Apple“ als sein eigener Protagonist mit der Mundharmonika durch eine kurdische Stadt geht: Giftgasangriff, Verzweiflung, Blut, Tod. Ennio Morricones Thema aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ wird ihm zum Signal von Hoffnung und Widerstand. Und der Besucher geht im Bewusstsein: Es gibt doch noch so etwas wie engagierte „politische Musik“, auch in Zeiten von Nullnummern wie Bushido. Udo Badelt

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