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KLASSIK

Molto vivace: das Flex-Ensemble

im Musikinstrumenten-Museum

Flex Ensemble nennen sich die vier jungen Musiker, die bei der zweiten Matinee der Gotthard-Schierse-Stiftung im Musikinstrumenten-Museum auftreten. Der Name zielt zunächst wörtlich auf die Besetzung: Die ist alles andere als starr, denn Kana Sugimura (Geige), Anna Szulc-Kapala (Bratsche), Martha Bijlsma (Cello) und Endri Nini (Klavier) sind auch mal als Duo oder Trio zu hören. Schnell aber zeigt sich, dass auch das interpretatorische Können der Vier insofern flexibel ist, als sie sich den Klangwelten so völlig unterschiedlicher Künstler wie Mozart und Schumann gleichermaßen überzeugend anzuschmiegen verstehen. Drei Werke aus der seltenen Gattung des Klavierquartetts geben sie zu Gehör, bei Mozarts zweitem in Es-Dur meißelt das Ensemble die klassische Architektur des Werks und seine vielen schwierigen Motive fein heraus, Endri Nini liefert am Klavier eine hübsch verspielte Grundierung dazu. Bei Mozart liegt vieles an der Oberfläche, was dann bei Schumann in Klüften und Abgründen versinkt, dennoch gelingt das op. 47 in der selben Tonart, entstanden 1842, ähnlich eloquent: härterer Anschlag beim Klavier, hinreißend lange Crescendi im ersten Satz, unheimlich sich anschleichende Läufe (molto vivace!) im zweiten. Zu Beginn des vierten – ein fugiertes, herrliches Stück Musik – herrscht kurze Unsicherheit bei Geige und Bratsche, doch letztlich bringen die Vier auch diesen Satz sicher in den Hafen. Dazu noch ein dramatisch-düsterer, aschfahler, trotziger Brahms, sein Klavierquartett in der „Schicksalstonart“ c-Moll, geschrieben in heißem Liebeskummer um Clara Schumann. Wer in der konzertarmen Zeit noch mehr vielversprechende Musiker zu Beginn ihrer Karriere hören möchte, hat dazu noch an den nächsten vier Sonntagen Gelegenheit. Udo Badelt

FOTOGRAFIE

Andante cantabile: Jürgen Bürgins

Städtebilder in Friedrichshain

Ihr Buch noch in der Hand, schaut die junge Pariserin aus dem Zugfenster. Ihre langen Wimpern rücken in den Fokus, während die grünlich-graue Landschaft im Hintergrund unscharf verschwimmt. Es sind diese melancholischen, alltäglichen Momente, mit denen der Fotograf Jürgen Bürgin (Fotogalerie Friedrichshain, Helsingforser Platz 1, Di, Mi, Fr, Sa 14-18 u. Do 10-18 Uhr; bis 2. August) den Blick des Betrachters fesselt. In der kleinen Galerie versammelt er unter dem Motto „Urban Ballads“ die Ergebnisse seiner Streifzüge durch Metropolen Europas, Nordamerikas und Asiens. Darin avanciert der anonyme Passant beiläufig zum Protagonisten, mal im Innehalten, mal im Vorbeigehen. Doch die Rolle des heimlichen Beobachters gelingt Bürgin nicht immer. In Barcelona blickt ein weißbärtiger Señor misstrauisch in die Kamera, in New York lächelt ein nach einem Wolkenbruch völlig durchnässter junger Mann den Betrachter überrascht an. So viele Einzelporträts die Ausstellung auch präsentiert, das Stereotyp des einsamen Städters bedient Bürgin keineswegs: hier allerlei verliebte Paare, ob in Berlin oder London, dort ein hübsch uniformiert wirkendes Trio ausgelassener Tokioter Salarymen. Die 56 teils großformatigen Fotos verzichten auf ästhetische oder technische Präferenz: Schwarz-Weiß wechselt mit Farbe, Porträtstudien hängen neben Bildern, die wesentlich vom Sinn fürs Architektonische leben. Aber gerade dieser Eklektizismus lädt dazu ein, sich erst in ein Lieblingsmotiv zu vergucken und, nachher wieder auf der Straße, die eigene Stadt als visuelles Kreativmaterial zu entdecken. Pauline Piskam

VOLKSMUSIK

Allegretto furioso: I Liguriani

gastieren in Gramzow

Im Rahmen des eindrucksvollen Angebots der brandenburgischen Sommerkonzerte gastiert die norditalienische Volksmusikgruppe I Liguriani im kleinen Ort Gramzow bei Prenzlau. Die fünf Musiker spielen ihre traditionellen Canzoni und Tänze komplett auswendig, die einzelnen Titel werden zudem durch charmante Erläuterungen zum kulturhistorischen Hintergrund der Musik miteinander verbunden. Die großenteils klassisch ausgebildeten Künstler sind allesamt Virtuosen ihrer Instrumente, der Sänger Fabio Biale tritt zusätzlich als Geiger und Gitarrist in Erscheinung. Zudem fasziniert das Repertoire mit Stücken vom 18. Jahrhundert bis heute auch durch die eigens gefertigten Arrangements für nicht eben klischee-italienisch anmutende Besetzung: Gitarre, Bandoneon, Flöte und Dudelsack. Und weil die schnellen Tanznummern dominieren, ist die Stimmung in der Marienkirche prächtig. Der Eindruck des Improvisatorischen allerdings täuscht. In den zahlreichen Passagen mit Stimmverdoppelungen zeigt sich, dass noch im rasenden Tempo Verzierungen und Blue Notes exakt abgesprochen sind. Alle Folklore setzt auf leichte Wiedererkennbarkeit, da ist bald eine gewisse Monotonie trotz aller Vitalität unvermeidlich. Gegen Ende jedenfalls scheint die Musik etwas weniger lebendig, als sie wirken soll. Benedikt von Bernstorff

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