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KLASSIK

Heilige Freude: Sol Gabetta und die Brandenburgischen Sommerkonzerte

Kaum ist mal ein paar Tage echter Sommer, lechzt die Berliner Seele nach Erfrischung. Was könnte sympathischer sein, als sich mit den „Klassikern auf Landpartie“ zu den Brandenburgischen Sommerkonzerten in den Spreewald zu begeben? Die unvermeidlichen Kähne auf den Fließen geben den kühlen Auftakt für ein klimatisch herausforderndes Konzert mit Sol Gabetta, ihrem Bruder Andres und einer Streichertruppe, die auf den Namen Cappella Gabetta hört. In der riesigen, bis zu den entferntesten Emporenplätzen voll besetzten Dorfkirche von Burg ist es derart feucht-warm, dass die alten Instrumente fast nach jedem Satz des überwiegend italienischen Programms nachgestimmt werden müssen.

Aber das tut dem offenmündigen Staunen keinen Abbruch, denn Sol Gabetta enttäuscht die hohen Erwartungen nicht. Mit aller Macht, aber ohne Kraftmeierei belebt sie mit ihren Wunschkollegen auch unbekannte und beileibe nicht durchgängig meisterliche Literatur. Die reine Freude ist es zu sehen, mit welch heiligem Spaß die Musiker bei der Sache sind, sich gegenseitig anlächeln, gemeinsam atmen. So viel Impulsivität verzückt, sie verträgt sich nur mit Bachs Strenge nicht, dessen drittes Brandenburgisches Konzert rhythmisch überspannt wirkt. Eine Entdeckung ist dagegen das Cellokonzert von Fortunato Chellerie, der als barocker italienischer Meister nach Kassel zum Kapellmeister berufen wurde. Man kann sich kaum einen besseren Fürsprecher als Sol Gabetta vorstellen: Ihr geschmeidiger, aber nicht gefälliger Ton trumpft nicht auf, ihr Spiel dient der Musik. Wo sonst Ehrfurcht und Entrückung eine Distanz aufbauen, sucht Gabetta Wärme, Substanz, Passion. Christian Schmidt

HAPPENING

Heiliger Bimbam: Shibusa Shirazu beim Wassermusik-Festival

Die verrückteste Band der Welt? Das Shibusa Shirazu Orchestra steht ganz oben auf der Liste. „Sei immer heißblütig!“ könnte man den Namen der Truppe aus der experimentellen Theaterszene Tokios übersetzen, die Konzerte als durchgeknallte Happenings inszeniert. Die Combo schmeißt alles nomadenhafte Getue um Musiktheorie über den Haufen. Beim diesjährigen Wassermusik-Festival im Haus der Kulturen der Welt tritt sie mit 20 Musikern auf: Bläser, Schlagzeuger, Gitarristen, ein Orgler und ein Thereminspieler, lässig dirigiert vom Anführer Daisuke Fuwa, der Kette raucht und wie eine Mischung aus James Last und Serge Gainsbourg grinst, während die Musik freimütig zwischen Free-Jazz, Psychedelic-Rock und Balkan-Beat umschaltet. Dabei entsteht ein freischwingendes Getöse, das neben hypnotischen Passagen Raum lässt für hochenergetische Freistilübungen. Dazu bewegen sich weiß gekalkte Butohtänzer, knallbunte Gogo-Girls und Geishas, die mit Plüschbananen wedeln, während ein wuseliger Animateur in feuerroter Unterhose über die Bretter zappelt und ein Künstler an einem Bild pinselt.

Der Zuschauer sucht nach Sinn, Metaphern, einer Botschaft. Entfremdung? Reizüberflutung? Feng Shui? Oder nur ein Fest im – sinnfreien – Rausch der Sinne? Auf jeden Fall ein herrliches Spektakel, das die poetischen Elemente von Zirkus und Varieté mit der spirituellen Energie von Rock oder Freejazz verbindet. In seinem spielerisch-intimen Charakter liegt ein humaner Charme, der nach 90 Minuten fast Glückseligkeit hinterlässt: „Die spinnen, die Japaner!“.Volker Lüke

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