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Friederike Höll

KUNST

Mehr als Möbel: Ein Kabinettschrank aus Augsburg im Schloss Köpenick

„Von schwartz ebenholtz reich mit silberzier“ sind die prachtvollen Werke der Augsburger Möbelkunst um 1600, die begabte Tischlermeister für Höfe in ganz Europa fertigten. Das Kunstgewerbemuseum im Schloss Köpenick stellt jetzt in einer Sonderausstellung (bis 29.9., Di–So 10–18 Uhr) ein besonders prachtvolles Exemplar in den Mittelpunkt: einen Kabinettschrank, geschmückt mit 3400 ornamentalen Silberbeschlägen. Jeder von ihnen musste bei der Restauration einzeln demontiert, geschweißt und gereinigt werden, damit das prunkvolle Möbelstück wieder in vollem Glanz erstrahlt. Bis auch der edle Seidenstoff im Schrankinneren und das Ebenholz restauriert wurden, vergingen fünf Jahre. Mindestens ebenso lang arbeiteten die Tischlermeister ihrerzeit an so einem Möbelstück. Die Silberschmiede orientiert sich an fabelhaften antiken Wesen und der Darstellung menschlicher Tugenden. Ein solches Kunstwerk heute als Möbel zu bezeichnen ist daher nicht ganz unproblematisch.

Die Ausstellung platziert das Werk in den Kontext vergleichbarer Möbelstücke. Der begleitende Dokumentarfilm „Eine Welt im Schrank“ zeigt, was sich in Kabinettschränken gewöhnlich verborgen hat: astronomische Messgeräte, überdimensionierte Spieluhren und andere Kuriositäten. In dem ausgestellten Stück wurden Schätze einer Kunstkammer aufbewahrt. Das neugierige Kind im Erwachsenen würde gerne selbst vorsichtig die Schubladen aufziehen und ein geheimes Fach entdecken. Als wäre es so erdacht, versteckt sich dort tatsächlich ein opulent verziertes Mühle-Spielbrett. Zum Glück hinter einer Vitrine, so dass der Schrank noch lange seinen makellosen Zustand bewahrt. Friederike Höll

FILM

München statt Mali: „Drei Stunden“, ein Debütfilm von Boris Kunz

Als der Gelegenheitskellner Martin (Nicholas Reinke) die Anti-Gen-Tech-Aktivistin Isabel (Claudia Eisinger) dazu bewegen möchte, ihren Stand ein paar Meter von der Restaurantterrasse entfernt aufzubauen, ist das keineswegs Liebe auf den ersten Blick. Dennoch merken auch ungeübte Zuschauer schon hier, dass Boris Kunz’ Debütfilm „Drei Stunden“ sie als Eheanbahnungszeugen in Geiselhaft nehmen wird. Acht Jahre nach dem ersten Zusammentreffen sind Isabel und Martin immer noch „nur“ beste Freunde. Als sie zu einem langem Aufenthalt nach Mali aufbricht, gesteht er ihr am Flughafen seine Liebe. Sie reagiert mit pragmatischer Zurückweisung, fährt aber dann doch zurück, als der Flug sich drehbuchzufällig verzögert. Nach zahlreichen weiteren amourösen Fehlzündungen hilft nur noch die Allzweckwaffe romantischer Komödie: Martin hat das L-Wort schon gesagt, wird er auch noch das H-Wort herausbringen?

Was eine lockere Münchner Sommerkomödie sein soll, wird durch ausufernde Hüh- und Hott-Dramaturgie zur Geduldsprobe. Die Hauptfiguren starten im Freundschaftsmodus durchaus als Sympathieträger. Nach 100 Kinominuten haben sie allerdings den Bonus systematisch verspielt. Das Drehbuch schreibt ihnen zwar viele kluge Sprüche in die Dialoge, kann ihnen aber keine emotionale Glaubwürdigkeit verleihen. Auch die hippe Oberfläche und der mit Deutsch-Pop-Poesie bestückte Soundtrack schaffen es nicht, die filmische und inhaltliche Biederkeit zu kaschieren. Martin Schwicker

CinemaxX Potsdamer Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Kant Kino, Kino in der Kulturbrauerei, Passage

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