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KLASSIK

Grandios: Die Zugloer Philharmonie aus Ungarn bei Young Euro Classic

Man muss vorsichtig sein als Kulturschaffender im nationalkonservativen Ungarn Viktor Orbáns. Dass der umstrittene Regierungschef jedem unmissverständlich klarmacht, wer der Herr im Land ist – auch gern mal als großer Zensor – deutet Ulla Kock am Brink nur an, als sie als Patin des ungarischen Abends beim Jugendorchesterfestival „Young Euro Classic“ die Zugloer Philharmonie Budapest ankündigt. Dass diese seit 2011 offiziell als Nationales Jugendorchester anerkannt ist, lässt hoffen. Aber es überrascht auch nicht, dass das Programm im Konzerthaus mit Zoltan Kodálys „Tänzen aus Galánta“ und Franz Liszts „Fantasie über ungarische Volksmelodien“ die Fundamente der Nationalkultur besingt.

Gleichwohl spielen in der Zugloer Philharmonie offenbar wirklich die besten Nachwuchsmusiker Ungarns. Hört man ihnen zu, kann man kaum glauben, dass es sich um Jugendliche handelt. Besonders in den oberen Streichern herrscht eine edle Klangkultur, die manches Profiorchester der zweiten Liga nie erreicht. Dass trotz der jugendorchestertypischen Fluktuation so ein Zusammenspiel erreichbar ist, lässt staunen. Denn gerade Bartóks „Konzert für Orchester“ stellt so hohe Anforderungen an die Virtuosität, dass man schon einige Erfahrung braucht, um hier auf den Punkt präsent zu sein. Kálmán Záborszky, seit 25 Jahren Orchesterchef, hält ganz unaufgeregt die Fäden in der Hand – ohne Überinterpretation, aber mit handwerklich eiserner Disziplin. Ein großes, vermutlich flüchtiges Glück sind da Einzelleistungen wie die des herausragenden Soloklarinettisten. Ein grandioser Abend, der – natürlich – mit Emmerich Kálmáns „Mariza“ auf dem Zymbal endet. Christian Schmidt

KUNST

Grundlegend: Tendenzen der Konzeptkunst im Haus Huth

Mehr Reduktion geht kaum. Fred Sandback (1943–2003) definierte Volumen, indem er Bänder spannte. Zwei weiße und zwei schwarze Acrylfäden reichen in der Daimler-Kunstsammlung jeweils von der Decke bis zum Boden. Das minimalistische Werk des New Yorker Künstlers ist der Ausgangspunkt des zweiten Teils der Ausstellungsreihe „Conceptual Tendencies“ im Haus Huth (Alte Potsdamer Straße 5, bis 22.9.), die die Strömungen der Konzeptkunst von den 60er Jahren bis heute nachzeichnet. Zwölf Positionen legen nun den Fokus auf Körper, Raum und Volumen.

Ausgehend von Marcel Duchamp und seiner Ablehnung „retinaler Kunst“ betont die Konzeptkunst die Kraft des Denkens. Die Schau am Potsdamer Platz zeigt klassische Vertreter wie Sol LeWitt, Kazuko Miyamoto und Keiji Usami. Außerdem präsentiert sie Neuerwerbungen jüngerer Konzeptkunst, darunter eine raumgreifende Installation von Natalia Stachon (Jahrgang 1976), die ein Schienennetz aus Stahlträgern mit von der Decke hängenden Plexiglasrohren kombiniert. Wie eine Art Mobile verändert sich die Arbeit permanent. Der Dialog zwischen Alt und Neu gelingt. Sandra Peters’ (Jahrgang 1969) Skulptur „Interface No.1“ ist unübersehbar eine Hommage an Sol LeWitts weiße Kuben. Die vertikal in den Raum gespannten Fadenskulpturen aus dem vielfältigen Werk von Anne Schneider (Jahrgang 1965) vertragen sich glänzend mit Fred Sandbacks Raumzeichnung.Jens Hinrichsen

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