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Pauline Piskam

YOUNG EURO CLASSIC

Turbulent: Orff & Co.

im Konzerthaus

Als sonntägliches Mammut-Event erweist sich das erstmals veranstaltete Preisträgerfestival im Rahmen von Young Euro Classic – mit sechs Uraufführungen junger Musiker und Komponisten. Den krönenden Abschluss bildet Carl Orffs Monumentalwerk „Carmina Burana“, dargeboten vom Schleswig-Holstein Festival Chor unter der Leitung von Rolf Beck. Zuvor bescheinigt Nils Landgren, Jazzmusiker und Pate des Chors, dem Chorwerk von 1937 – etwas gewagt – einen „fresh spirit“, der weitaus überzeugender durch ein vorangestelltes Potpourri für Schlagwerk eingelöst wird. Los geht es mit voodooartigen Trommelrhythmen unter dem Titel „Ogoun Badagris“ von Christopher Rouse – ein faszinierender Mix aus Pauke und Conga. Das experimentelle „Piano Phase“ des Minimalmusikers Steve Reich folgt, abwechslungshalber auf zwei Marimbafonen. Die Instrumentalisten tragen die repetitive Klangfolge aus zwölf Tönen so suggestiv vor, dass der Saal nahezu in Trance geraten könnte. Empörte Zwischenklatscher und Buhrufer aber, was für eine schmale Toleranzgrenze, verhindern dies. Leichter haben es die Musiker dann bei Dennis Kuhns „Okseano“ und Ali N. Askins den Körper nur über Klatsch- und Schnippgeräusche instrumentalisierender „some body(s) music“. Für das Happy End zwischen Interpreten und Publikum sorgt dann, nicht überraschend, der Klassiker selbst: Orffs mächtiges „Fortuna Imperatrix Mundi“ und die junge russische Sopranistin Yulia Tomina bringen die Tuschler zum Schweigen. So nah liegen harsche Ablehnung und völlige Hingabe manchmal beieinander. Pauline Piskam

MUSEUMSMUSIK

Tückisch: Ari Benjamin Meyers

in der Berlinischen Galerie

Zuerst ist es nur ein Summen, das sehr privat klingt. Fast meint man, sich verhört zu haben, doch dann gewinnt die Stimme mehr und mehr Gestalt. Die Töne schwellen an, und die Arie entfaltet sich. „Chamber Music (Vestibule)“, komponiert von Ari Benjamin Meyers, braucht Zeit für die Aufmerksamkeit – erst recht in einem Haus. wo alles nicht aufs Hören, sondern auf Sichtbarkeit ausgelegt ist (Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124–128, Mi bis Mo 10–18 Uhr, bis April 2014). Inspiriert wurde die Arie durch Henry Purcells „When I am layed in earth“ aus der Barockoper „Dido und Aeneas“. Meyers Komposition greift die zentrale Passage, das Flehen der Dido mit der sehnlichen Bitte „Remember me“ auf. Für ihr Experiment wählten die Museumsleute bewusst den unruhigsten Ort, den Windfang, in dem man sich in der Regel nur für Sekunden aufhält. Fraglich dabei allerdings, was von einer Komposition bleibt, die in einem solchen Bewegungsumfeld wahrgenommen wird. Wie kann man, sofern die Musik dazu inspiriert, den Tönen ungestört lauschen? Werden die Gäste des Hauses aktiv und sprechen sich ab? Verstopfen sie gar künftig den Durchgangsraum? Ja, das wäre ein Happening! Jennifer Lynn Erdelmeier

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