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YOUNG EURO CLASSIC

Fliegen: Das Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar

Mit der Disziplin ist es so eine Sache in der Musik. Sie kann dazu führen, dass selbst die makellose Wiedergabe eines Repertoirestücks zur Beliebigkeit neigt. Sie kann aber auch die Grundlage sein, auf der eine Komposition erst ihren Zauber entfaltet. Bei dem aus deutschen und israelischen Studenten zusammengesetzten Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar lässt sich das wunderbar studieren. Ein Ensemble, das sich unter der Leitung von Michael Sanderling jedes jugendliche Ungestüm versagt. Formvollendet der Auftakt mit Berthold Goldschmidts hochdramatischer Passacaglia. Aber warum so erwachsen, denkt man bei Mendelssohns e-Moll-Violinkonzert – zumal der schlanke Ton der Solistin Sunny Tae die Schönheit des fast zu Tode gespielten Werks ihrer Verbindlichkeit beraubt.

Das ändert sich bei den vier WunderhornLiedern von Mahler und bei Schostakowitschs Symphonie Nr. 6. Dem Bariton Florian Götz sitzt beim „Rheinlegendchen“ und der „Fischpredigt“ der Schalk im Nacken, das Orchester legt eine Leichtfüßigkeit an den Tag, eine Uneigentlichkeit des Ausdrucks, die Mahler gut ansteht. Bei Schostakowitsch zahlt sich die Disziplin endgültig aus: betörend die solistischen Hochseilakte der Holzbläser, bezwingend die Hochspannung am Schluss des Kopfsatzes. Wer fliegen will, muss den Boden kennen. Gegründet wurde das binationale Versöhnungsprojekt 2011. Erste Konzerte galten dem Gedenken an das KZ Buchenwald, dem Orchester liegt an Komponisten, deren Werke politisch-menschliche Katastrophen aufscheinen lassen. Am NS-Verfolgten Goldschmidt, dem konvertierten Juden Mahler, dem von Stalins Willkür drangsalierten Schostakowitsch – und an Mendelssohns Violinkonzert, das Alma Rosé mit dem Mädchenorchester in Auschwitz aufführte. Christiane Peitz

KABARETT

Flattern: Barbara Kuster

in der Bar jeder Vernunft

„Deutschland ist reif, ich bin noch reifer!“ Barbara Kuster, Jahrgang 1949, kandidiert in ihrer Show „Eiserne Lady“ (bis 11. 8., Bar jeder Vernunft) glatt für das Amt der Bundespräsidentin. Gaucks himmlische Aura lässt zwar die Wolkendecke hinter dem Bellevue aufbrechen, hält aber die Nation vom Arbeiten ab. Das kann so nicht weitergehen. Auch der Fettleibigkeit der Deutschen will die Kabarettistin Einhalt gebieten – mit Kohl. Dem Gemüse, nicht dem Altkanzler. Spöttisch arbeitet sich Kuster an ostdeutscher Vergangenheit und politischen Baustellen ab und legt ihrem Mann, einem SPD-

Geschäftsführer im Ruhestand, Voodoo-Puppen auf den Willy-Brandt-Altar: Westerwelle und Ackermann waren schon dran, das „Heiderösslein“ soll folgen. Als „First Lady“ will der Gatte aber nicht mir ihr auf den roten Teppich, obwohl sie ihn mit FDJ-Hymnen zu ködern sucht.

Kuster genügt auf der Bühne ein schwarz-rot-güldenes Paillettentuch als Dekoration. Wenn die ehemalige Lehrerin nicht gerade Zuschauer scherzhaft maßregelt, tanzt und singt sie ihr Wahlprogramm. Zum Thema Migration huldigt sie mit indischem Hüftgewackel ihrer fleißigen Assistentin Shiva. Beim Thema Verkehr wirbt sie in grölender Rammstein-Manier für seltsame Einparkhilfen. Am liebsten schwelgt die Potsdamerin aber in deutscher Heimatromantik: Als „heiße Kartoffel“ übt sie in ihrem „Schwäbisch-Walhalla“ den preußischen Parademarsch. Ein bissiger, gelegentlich klamaukiger Abend, gemäß dem Schlachtruf der Entertainerin „Ihr habt keine Wahl!“. Pauline Piskac

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