KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KUNST

Luftschlösser: Kirchner und Klee

im Museum Berggruen

Keine Segways, Fat Tire Bikes oder Hop-on-hop-off-Busse: Berlins touristisches Zentrum kann man in der Kabinettausstellung des Museums Berggruen aus Charlottenburger Distanz studieren. Kuratorin Kyllikki Zacharias stellt dort Kirchners berühmtes Gemälde „Potsdamer Platz“ aus dem Jahr 1914 den Zeichnungen von Paul Klee gegenüber. Sie entstanden vier Jahre später als Illustrationen zu Curt Corrinths Roman: „Potsdamer Platz oder Die Nächte des neuen Messias“ (bis 17. November, Schlossstraße 1, Di-So 10-18 Uhr). Zweimal Potsdamer Platz, zweimal verdichten sich atmosphärische Ahnungen in einem Verkehrsknotenpunkt. Dazwischen: der Erste Weltkrieg. Schroff, spitz, scharf konturiert Kirchner die Prostituierten, die als dunkle Göttinnen das Stadtzentrum beherrschen. Er überträgt die lauernde Aggression der Vorkriegszeit auf die Begegnung zwischen Mann und Frau.

Nach dem Krieg löst Klee die Menschen in erotischem Exzessen auf. Corrinth, ein Berliner Schriftsteller, wollte mit seinem Messias den Militarismus durch sexuelle Revolution überwinden. Erinnerungen an den Albtraum Krieg werden transformiert in den Rausch der Lust. Wie Luftschlösser schrauben sich bei Klee die „ekstatischen Visionen“ des Romans in den Himmel. Die Hochhäuser am Potsdamer Platz ähneln dem Turm von Babel. Die Bildunterschrift prophezeit: „Berlin dagegen unsere Hochburg buchte jähe Verzehnfachung seiner Bürger.“ Ganz so ist es nicht gekommen. Wie eine Vorwegnahme des Touristenrummels von heute wirkt es dennoch. Simone Reber

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben