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JAZZ

Grandios: Parker, Bauer und Drake im Radialsystem

Ein jubelndes Staunen flutet den Saal. Was da nach 40 Minuten in die erste Pause geht, ist ein Konzert der Superlative, das auf dem Grundprinzip der improvisierten Musik fußt: Unvorhersehbarkeit. Was in diesem Genre heute zählt, hat sich in einer langjährigen Testphase herausgebildet. Dass der Höhepunkt des zweiten „à l’arme“-Festivals im Radialsystem gleich am Eröffnungsabend über die Bühne geht, war nicht vorhersehbar. Zusammen mit dem Dreamteam der afroamerikanischen Improvisationsmusik, dem New Yorker Bassisten William Parker und dem Chicagoer Schlagzeuger Hamid Drake, hatte der Berliner Posaunist Conny Bauer vor drei Jahren im New Yorker Club Roulette das Album „Tender Explorations“ aufgenommen.

Konzerte des Trios sind selten, die Erwartungsfreude umso höher. Virtuosität, Vertrauen, Erfahrung entscheiden über das Gelingen in der frei improvisierten Musik. Keine Absprachen, keine Partitur, es zählt das Wissen um die Wirkung. Der Erfahrungshorizont dieser drei Könner scheint unerschöpflich, aus ihm entwickelt sich eine Dramaturgie, die in keinem Drehbuch steht. Parkers Basslinien werden von einem tiefen Freiheitsgefühl angetrieben, mit dem Bogen lotet er Ruhepole aus. Wie ein guter Groove entsteht, das weiß Drake.

Brachiales Bassgebrummel, hymnische Mehrstimmigkeiten und pure Klanggewitter prägen das Posaunenspiel von Bauer. Parker bezeichnet Bauer, der vor wenigen Wochen 70 wurde, in einer Ansage als den weltbesten Posaunisten dieser Musik: An diesem Abend spielt er eines der wichtigsten Konzerte seines Lebens (das Festival endet heute u. a. mit Auftritten von FM Einheit, Johannes Bauer und Peter Evans).Christian Broecking

KLASSIK

Königlich: Waliser Orchester

bei Young Euro Classic

Orkanartig donnern die Blechbläser durch die fulminante Einleitung zum 3. Akt von Wagners „Lohengrin“. Gar nicht einfach, dem etwas entgegenzuhalten; aber für den Streicherkorpus des National Youth Orchestra of Wales scheinbar ein Kinderspiel. Dass sie sich mit derselben Sicherheit auch am anderen Ende des Spektrums bewegen können, beweisen die jungen Waliser im Vorspiel zum 1. Akt. Hier gelingt es ihnen, den großen, zerbrechlichen Bogen, trotz heikler Präzisionsarbeit im Piano, ruhig atmen zu lassen. Eine bemerkenswerte Leistung, die ihnen das Publikum am Ende mit einem Moment gebannter Stille lohnt.

Unter der klaren, alles antizipierenden Leitung von Grant Llewellyn meistern die Jungmusiker jede Klippe. Das kommt auch dem walisischen Komponisten Joseph Davies zugute: In seinem Werk „Byzantium“ (nach einem Gedicht von Yeats) jagt er wie ein Kind im Spielwarenladen von einer Attraktion des Orchesterapparats zur anderen, bis kaum ein Rad mehr übrig bleibt, an dem er nicht gedreht hat. Eine bewegte Reise durch alle Extreme hindurch – großflächig, episch und strikt innerhalb der tonalen Wohlfühlzone. Im Herzen des walisischen Abends steht natürlich das Nationalinstrument. Catrin Finch, die in ihrem Land „Queen of the Harp“ genannt wird, fasziniert mit simultanem Spiel an akustischer und elektronischer Harfe.

In Rachmaninows Symphonischen Tänzen zeigt sich noch einmal, wie klanglich differenziert das Orchester arbeitet. Wunderbar trocken erklingt das Anfangsthema in der Reprise des Non Allegro, organisch die Übergänge von stark pulsierenden Tanzrhythmen zu den lyrischen Passagen der Holzbläser, aus denen sich tadellose Soli erheben. Barbara Eckle

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