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KLASSIK

Naiv und erhaben: Beethovens „Fidelio“ im Stadtbad Steglitz

Gut gesehen: Das Stadtbad Steglitz ist tatsächlich eine attraktive Location für Beethovens „Fidelio“. Die Seitenränge des historischen Kuppelbaus mit ihren verzierten Balustraden erinnern an ein Theater, während das blau gekachelte Becken und die im Zuge der Renovierungsarbeiten skelettierten Säulen sich leicht als Katakomben eines Gefängnisses deuten lassen. Doch darf man sich dadurch verführen lassen, den Klassiker mit den begrenzten Kräften einer freien Theatergruppe zu stemmen? Stefan Neugebauer hat es getan. Der Regisseur und Leiter des „Clubtheaters Berlin“, der 1988 aus der DDR in den Westen ausreiste, glaubt dabei nicht nur an den Ort, sondern auch an die Botschaft der Befreiungsoper, deren Geschichte er schnörkellos erzählt: ein Trenchcoat für den Gouverneur, gestreifte Hemden für die Gefangenen – das muss genügen. Tut es auch fast. Obwohl die Personenführung meist naiv wirkt, schiebt sie sich doch immerhin nicht vor Beethovens Musik, die mit ihren Anklängen an den Singspielton ja auch oft naive Züge trägt. Doch um mit Beethoven den Sprung ins Erhabene zu schaffen, dazu reichen die Kräfte des jungen Ensembles auf Dauer nicht aus.

Dass sich, von Alan Razzaks allzu artikulationsarm gepowerten Florestan abgesehen, dennoch auch Freude am Bewältigen auf die Zuhörer überträgt, das liegt an Helmut Weese. Der Leipziger Korrepetitionsprofessor ist ein alter Fuchs seines Faches, der das auf solistische Besetzung entkernte Rumpforchester vom Klavier aus mit Theaterinstinkt, kapellmeisterhafter Sicherheit und großem Gespür für das im jeweiligen Moment dramatisch wesentliche sowie technisch machbare Detail durch die Partitur führt (weitere Vorstellungen bis 1. September, www.stadtbad-steglitz.de).Carsten Niemann

KUNST

Nebulös und plakativ:

„Social Fabric“ in der ifa-Galerie

Erst vor wenigen Monaten ist eine Textilfabrik in Bangladesch eingestürzt. Erschreckend aktuell ist also die Ausstellung in der Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa), obwohl sie zurückschaut in der Geschichte der Textilindustrie (bis 15. 9., Linienstraße 139/140, Di-So 14-19 Uhr). Denn „Social Fabric“, konzipiert vom Institute of International Visual Arts in London, erzählt von den Anfängen der Textilwirtschaft zwischen England und Indien und von kolonialen Machtstrukturen, schaut aber auch auf den kulturellen Austausch. Um bei den europäischen Kunden zu punkten, studierten indische Handwerker deren Stoffmuster, während Briten anfingen, indischen Nessel und Chintz zu produzieren. Hübsche Textilfabrik-Etiketten liegen neben alten Stoffmustern und einem Artikel von Karl Marx über den britischen Baumwollhandel.

An der Wand hängen Lautsprecher, aus ihnen könnte man Erinnerungen von Spinnerei-Arbeitern hören, die Ende des 19. Jahrhunderts zu Hunderttausenden vom Land nach Mumbai gelockt wurden. Könnte. Die Stimmen sind so leise, dass man kaum was versteht. Das ist ärgerlich. Überhaupt hat man seine liebe Mühe, sich aus den vielen zusammengetragenen Dokumenten ein Bild zu machen. Dagegen sind die Malereien und Zeichnungen der beteiligten Künstler eindeutig zu lesen. Prabhakar Pachpute, erstmals in Deutschland ausgestellt, zeigt unter dem Titel „Broken Promises“ einen gebrochenen Schornstein, Archana Handes zeichnet den Weg von der unberührten Natur zur zerstörten Landschaft mit Flugzeugen, Wolkenkratzern und rauchenden Schloten auf. Nebulöses auf der einen, Plakatives auf der anderen Seite. Etwas dazwischen wäre schön gewesen. Anna Pataczek

KLASSIK

Trinken und singen: Die Berliner Symphoniker in der Kulturbrauerei

Wird es nun regnen oder nicht? Beim Audi Klassik Open Air schaut Dirigent Lior Shambadal in den Himmel. „Sieht gut aus“, sagt er und erinnert daran, dass die Berliner Symphoniker bei ihren vergangenen Auftritten in der Kulturbrauerei ganz andere Schicksalsschläge hinnehmen mussten. Der Dirigent spricht von „traumatischen Erlebnissen“. Heute passen die Naturgewalten zum Programm: Es gibt die volle Packung Verdi, nur die großen Hits, von Aida bis La Traviata. Das Publikum lässt sich berieseln. Es isst Bratwürstchen und trinkt im Wind ein Gläschen Wein, während der Dirigent vor jedem Schmankerl das Mikrofon zückt und mit seiner sonoren, aufrüttelnden Stimme ein paar Anekdoten erzählt. Er ist der wahre Held des Abends.

Doch da ist ja auch noch Elizabeth Magnor. Große Güte, was für eine Stimme! Die Sopranistin aus New York lässt alles Glockenläuten, alle Polizeisirenen wie Fügung erscheinen, singt wie eine abgeklärte Diva und beeindruckt im „Caro Nore“ mit sagenhaften Koloraturen. Klar, stimmgewaltig, sicher. Das trifft auf Tenor Michael Zabanoff nur in beschränktem Maße zu. Er ist zwar auf der Bühne überzeugend, doch in den Höhen muss er sich stellenweise mit ein bisschen Pressen behelfen. Im Kontrast sticht da Bogdan Talos besonders heraus: Der Bass-Solist singt die Arie „Ella giammai m'amo“ aus Don Carlos in reifer, runder Schärfe und bietet zugleich ein umwerfendes Vibrato. Kein Wunder, dass das Publikum bei der Zugabe sich nicht länger halten kann und einfach mitschwenkt, trinkt und singt. Tomasz Kurianowicz

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