KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tomasz Kurianowicz

MUSIKTHEATER

Gewagt: „Brennero Crash“

an der Neuköllner Oper

Am Boden liegen sechs blutverschmierte Menschen. Ein Crash hat sie zusammengeführt, am Brenner, dort, wo sich Nord- und Südeuropa treffen. Sie liegen aufeinander wie Leichen. Erst nach Minuten der Starre bemerkt man ein leichtes Zucken, Zittern. Sie raffen sich wieder auf, machen sich Vorwürfe in unterschiedlichen Sprachen. Zum babylonischen Sprachgewirr kommen Geige und Akkordeon hinzu – als ob eine vertrocknete Blume zum Leben erwacht. Die sechs Menschen aus verschiedenen Teilen Europas agieren wie Kinder: Sie finden zueinander in Berührungen, Liedern und im Tanz. Sie begegnen sich in Schreien und Küssen, beginnen sich zu lieben, zu hassen, zu verzeihen und wieder zu verraten.

„Brennero Crash. Ein europäischer Auffahrunfall“, die Minioper des italienischen Ensembles „Balletto Civile“, ist ein körperbetonter, emotionaler und von Gewaltfantasien durchsetzter Reigen. Gemeinsam mit Darstellern der Neuköllner Oper unter Leitung von Michela Lucenti haben die Italiener eine wuchtige Uraufführung voller Überraschungen auf die Bühne gebracht. Dabei geht es nicht um die Vermittlung einer stringenten Handlung oder klarer Dialoge, sondern um den Austausch von Gestiken, Mimiken und Schockeffekten – als wär’s ein Fellini-Film: Transsexuelle Väter, verratene Söhne, schlecht behandelte Ehefrauen geraten an- und aufeinander. Das Ergebnis ist eine chaotische Spontan-Oper mit trashigen Elementen.

„Brennero Crash“ ist der Auftakt des Festivals „Move Up! Festival für europäisches Musiktheater unter prekären Bedingungen“. Bis zum 25. August sind in der Neuköllner Oper 15 Produktionen mit 26 Vorstellungen auf sechs Bühnen zu sehen. Wie lässt sich Musiktheater in Zeiten der Euro-Krise und des Spardiktats realisieren?, steckt als Frage dahinter. Die kuriose, von Musik, Tanz und Schauspiel zusammengehaltene Eröffnungsinszenierung beweist, dass genau in den Nischen jenes entscheidende Element zum Ausdruck kommt, das den Menschen zum Menschen macht – der Wille zum Experiment. Tomasz Kurianowicz

KLASSIK

Gemütlich: Landesjugendorchester Berlin im Konzerthaus

Fünfzig Jahre „Jugend musiziert“ haben mehr Orchestermusiker als berühmt gewordene Solisten hervorgebracht. Zum Fest spielt das Landesjugendorchester Berlin mit Falk Maertens und Raphael Mentzen Vivaldis Trompetenkonzert und John Adams’ „Tromba Lontana“, eine seltsame Zusammenstellung ohne erkennbaren Sinn. Außer vielleicht den, dass die beiden Trompeter des Deutschen Symphonie-Orchesters den jungen Talenten zeigen können, dass man auch nach einigen Jahren Orchesterdienst solistische Herausforderungen meistern kann. Denn was Vivaldi an Brillanz, Virtuosität und Musikalität erfordert, ist bei Maertens und Mentzen glänzend aufgehoben.

Hinter dieser Leistung muss das Jugendorchester zurückstehen. Evan Christ gibt vom Pult aus nur wenig Impulse. Der Cottbuser GMD lässt vieles im Ungefähren, arbeitet wenig Kontraste heraus, was besonders Schostakowitschs berühmter Varietésuite nicht gut bekommt. Aus Rücksicht auf die spieltechnischen Fähigkeiten verlangsamt, bleibt von der hintersinnigen Übertreibung und bittersüßen Ironie nichts übrig.

Aber die jungen Musiker sollen gefordert werden. Dass sie daran Spaß haben, sieht man besonders den Zweiten Geigen an. Dass sie von sich selbst auch ergriffen sein können, hört man bei Lutoslawskis eindrucksvoll musizierter „Trauermusik“. Technische Überforderung aber verstellt den Blick für interpretatorische Unreife; prompt staut sich bei Werken mit solchem Tiefgang der musikalische Fluss. Die Dramaturgie, so scheint es, ist bei Jugendorchestern eine heikle Gratwanderung. Christian Schmidt

KUNST

Gefährlich: Matthias Stuchtey

in der Galerie im Rathaus Tempelhof

Eigentlich hätte „Ludvig“ ein ganz normaler Computerschrank im Sortiment eines schwedischen Möbelhauses sein sollen. Matthias Stuchtey aber zerlegte „Ludvig“ mit seiner Stichsäge in zwölf Einzelteile und arrangierte sie neu. Aus „Ludvig“ wurde Kunst. Zusammen mit weiteren Skulpturen des Berliner Bildhauers ist das Werk in der Galerie im Rathaus Tempelhof zu sehen (Tempelhofer Damm 165, bis 19. 9.; Mo bis Fr 9 – 18 Uhr). „Selfstorage“ lautet der Titel der Ausstellung mit Arbeiten von Stuchtey der vergangenen vier Jahre. Während der Künstler für „Ludvig“ beim örtlichen Möbelgiganten einkaufte, findet er seine Materialien sonst häufig am Straßenrand. Wie bei „Naturverpackung“, einer Installation aus Obstkistenholz, die Stuchtey eigens einer Wand der Galerie anpasste.

Was manchmal nach schnell zusammengewürfelter Nistkastenoptik aussieht, braucht seine Zeit. Stuchtey lässt Einzelteile oft länger liegen, bis er weiß, wie er damit arbeiten kann. Erst dann gruppiert der Künstler die Elemente um ein einzelnes Ausgangstück herum. „Meine Arbeiten müssen wachsen“, sagt er. In der Tat: „Ludvig“ oder auch „Naturverpackung“ wirken organisch, sie entwickeln eine starke Räumlichkeit. Dübel werden zu Schornsteinen, Kabelschlitze zu Fenstern, ehemalige Schubladenschienen nehmen den Betrachter ins Visier. Nicht umsonst muss vor Stuchteys Werken eine Art Sicherheitsabstand eingehalten werden. Ihre Ecken und Kanten könnten den Galeriebesuchern sonst gefährlich werden. Tatjana Kerschbaumer

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