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KLASSIK

Verheißungen: Viviane Hagner bei „50 Jahre Jugend musiziert“

Nach dem dritten Jubiläumskonzert von „Jugend musiziert“ im Kammermusiksaal des Konzerthauses stellen sich erst einmal viele Fragen: Ab wann zum Beispiel wird eine gestrenge Jury, vor der man sich ohne Fisimatenten aufstellt, zu einem Publikum, mit dem man flirtet, das man beeindrucken möchte, dessen Regungen man spürt? Und kommt mit so einem Abend und seinen acht jungen Musikerinnen und Musikern zwischen 14 und 19 Jahren eher die Jugend zum Alter, mit Auffrischungseffekten – oder nicht doch das Alter zur Jugend, inklusive Bekleidungscodes wie aus den Fünfzigerjahren, schwarz, gediegen, sehr adrett? Wo überhaupt liegt die Grenze zwischen Schüler- und Erwachsenenkonzert, verläuft sie womöglich auf dem schmalen Grat zwischen „Einzelsätze-“ und „Ganze-StückeSpielen“?

Der ganze erste Programmteil klingt ein bisschen nach Sampler, zuerst Ausschnitte von Mendelssohn, Bach und Britten, darauf kurze Charakterstücke von Bruch und Schumann: immerhin Gelegenheit etwa für Anna Maria Wünsch (Viola), einen geerdeten Bach vorzutragen, für Jakob Kuchenbuch, sich mit der Ernsthaftigkeit eines bereits sehr reifen Mannes in Brittens Cello-Musik einzufühlen, und für Michael Schmitz (ebenfalls Violoncello) und Marcel Mok (am Klavier, sehr fabelhaft), Schumanns op. 70 mit schöner Transparenz zu spielen, ihr Publikum indessen auch ordentlich mit dem Wechsel vom Adagio ins „feurige“ Allegro zu erschrecken. Brahms’ langes Streichsextett G-Dur hingegen, mit der Profigeigerin Viviane Hagner als Mentorin an der ersten Violine, wird nach der Pause komplett gespielt.

Doch wer, letzte Frage, hat sich ausgedacht, dieses Sextett ins Programm zu nehmen? Denn trotz der Anleitung durch Hagner, die ihrerseits mit elf Jahren den Bundeswettbewerb gewann, gewissermaßen gegen ihren überaus filigranen Ton, gelingt es nicht, dem Stück jene Beweglichkeit, Klangfülle und große Atemkurve zu geben, die ihm eben auch zu eigen sind. Am Ende erklingt daher eine vierzigminütige Musik, die die jugendlichen Musiker zweifellos mehr beschäftigt hält als das Publikum. Ganz sicher sind wir, also das Publikum, in diesem Moment aber herzlich egal. Denn vor allem auf die für Jahre inspirierenden Erlebnisse kommt es an einem solchen Abend an: Allen Mitwirkenden sei also gewünscht, dass sie einen guten Weg finden von den Verheißungen der Wettbewerbssiege hinein in die Realität des Musikerlebens. Christiane Tewinkel

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Verstimmungen: das Vocalconsort Berlin in der Parochialkirche

Dass das Vocalconsort Berlin zur ersten Garde der hauptstädtischen Chorwelt gehört, hat gerade erst der Preis Echo-Klassik bewiesen. Zum zehnjährigen Bestehen gönnt das Ensemble dem getreuen Publikum eine fünfteilige Jubiläumskonzertreihe, um seine Kompetenz in Sachen Barock und Moderne unter Beweis zu stellen. Reichlich düster und zuweilen etwas gewollt sind die „großen Menschheitsthemen“ in Wahlsprüche gegossen; in der Parochialkirche – im Krieg zerstört und nur als Nacktbacksteingehäuse überkommen – geht es um Vergänglichkeit.

Das allzu weite Feld sollen drei Motetten aus Johann Hermann Scheins „Israelsbrünnlein“ und den „Musikalischen Exequien“ von Heinrich Schütz einzäunen. Die Leere des Raums bietet ungünstige akustische Voraussetzungen, besonders bei Schein wirkt der sonst so homogene Klang des Vocalconsorts flach, in den ersten Sopranen beinahe körperlos. Offenkundig wird die heterogene Stimmenqualität in den Soli der Exequien. Das überrascht: Bislang gelang dem Projektensemble die Überwindung der Hürde, sich immer wieder neu finden zu müssen.

Über den zuweilen arg schlanken Klang aber lässt sich hinweghören wegen der atemberaubenden Stilsicherheit von Daniel Reuss. Seine farblichen, textlich durchdachten Schattierungen übertragen sich über den Chor direkt in die karge Kirche. Besonders beeindruckt Martin Willerts Komposition „Lontano“, deren reizvoller Kontrast sich aus einem bedrohlich tickenden Metronom und vokalen Wolkentürmen im Hintergrund ergibt. Die stupende Musikalität macht die technischen Makel vergessen.Christian Schmidt

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