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KLASSIK

Dämonisch: Zum Schluss der Jubiläumsreihe „Jugend musiziert

Schroff, schrammelig, zerschunden, die nackte Materialität der Saiten bis ins Letzte auskostend: So macht sich Christian Tetzlaff an Brahms’ Violinkonzert. Im vierten und letzten Festkonzert zum 50. Jubiläum von „Jugend musiziert“ im Konzerthaus gibt sich der Geiger – selbst Gewinner des Wettbewerbs von 1980 – nicht mit klassizistischen Klangkonventionen zufrieden, zu denen gerade Brahms einlädt. Er will Neuland, gibt sich als Suchender, berserkerhaft, verbissen, auch gequält. So kratzt und schabt er, bis die Saiten quietschen und jaulen, spinnt die lyrischen Passagen allerdings auch zärtlich aus. Zwei völlig unterschiedliche Temperamente prallen hart aufeinander: hier die eruptive Künstlerpersönlichkeit des Solisten, dort das sehr brav und ausbuchstabiert spielende Bundesjugendorchester. Dirigent Mario Venzago ist ganz Pädagoge, setzt intensive Zeichen, benutzt dabei eine ganz eigene Technik: Die Schultern zucken den Rhythmus minimalistisch mit. Berührend traumverloren die Oboe, die den zweiten Satz einleitet. Gleichwohl kommen Solist und Orchester nicht zusammen, beide Welten stehen unvermittelt nebeneinander.

Das Lehrbuch legen die jungen Musiker auch in Mahlers erster Symphonie zunächst nicht ab. Der erste Satz, in dem Mahler umherschweift auf der Suche nach neuen Klangmöglichkeiten: Dienst nach Vorschrift. Dann, am Ende der Durchführung, ereignet sich Verblüffendes: Das Orchester kommt im Stück an, plötzlich ist da Wagemut, ein Zug ins Offene, Gefährdete. Dämonische Ländler im zweiten Satz, beim „Bruder Jakob“-Kanon im dritten stellen sich die Härchen auf der Haut auf. Ein wunderbar runder Klang gelingt immer wieder den sieben (!) Hörnern. Das glockenspielumflorte Finale dann: brutal und bezwingend. Triumphaler, zu guter Letzt völlig berechtigter Jubel. Udo Badelt

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