KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Pauline Piskac

MUSIKTHEATER

Protestoper: „Taksim Square“

im Heimathafen Neukölln

Facebook-Beiträge, Graffiti, Sprechchöre auf Demonstrationen – das ist der Stoff, aus dem modernes Musiktheater gemacht wird. Zumindest bei Regisseur Mehmet Ergen, der ein Wochenende gebraucht hat, um sein Songplay „Taksim Square“ über die landesweiten Proteste in seiner Heimat Türkei zu schreiben. Die Komposition einzelner Stücke dauerte etwas länger, die vierwöchigen Proben waren erst zwei Tage vor der Uraufführung im Rahmen des Musiktheaterfestivals „Move op!“ abgeschlossen.

Das Ergebnis erscheint als sozialkritisches Musical, indem die Positionen der türkischen Bevölkerung berfragt werden, von der selbstbewussten Prostituierten bis zur sich anbiedernden Künstlerin, vom strenggläubigen Iman bis zu den prügelnden Polizisten.

Dem Geschehen auf der Bühne zu folgen, ist dabei gar nicht so leicht. Der türkischsprachige Text und die Performance bilden eine Einheit, die durch das angestrengte Mitlesen der deutschen Übersetzung am oberen Bühnenrand durchbrochen wird. Die Handlung spielt sich in einem Polizeirevier ab, in dem die unterschiedlich gesinnten Charaktere aufeinandertreffen. Durch poppige Songs, volkstümliche Musik und kitschige Balladen wird das Taumeln einer Gesellschaft deutlich, in der selbst Künstler und Medienschaffende lange den Pakt mit dem politischen Teufel bevorzugten, um die eigene Existenz zu sichern. Der Slogan „Wir lassen uns nicht unterkriegen!“, eine Kampfansage gegen jene Definition von Republik, wie sie Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan seit elf Jahren kultiviert, zieht sich durch das Stück.

„Klar, ich ging heut einfach mit Schuhen in die Moschee, um Bier zu trinken und eine Orgie zu starten“, meint ein mit Bauhelm ausgerüsteter Demonstrant sarkastisch, nachdem er mal wieder öffentlich als „çapulcu“ bezeichnet wurde. Diese diskriminierende Bezeichnung der Demonstranten als „Plünderer“ wurde während des Aufstandes verbreitet und lieferte die Grundlage für zahlreiche Hymnen. Der Youtube-Hit „Çapulcu musun vay vay“ („Bist du ein Plünderer?“) taucht auch innerhalb des Songplays auf – und findet ein begeistert mitschunkelndes Publikum. Ergriffenheit kommt auf, als schweigend der fünf jungen Männer gedacht wird, die während der Aufstände getötet wurden. Ob und wann er seinen „Taksim Square“ auch in Istanbul zeigen darf, weiß Mehmet Ergen noch nicht. Das „Move op!“-Festival der Neuköllner Oper mit Musiktheaterstücken von und über aktuelle Krisengebiete in Europa läuft noch bis zum 25. August. Pauline Piskac

KLASSIK

Jagdszenen bei Schinkel:

Gavriel Lipkind in Neuhardenberg

Nicht nur die Konzertgäste können bei den Brandenburgischen Sommerkonzerten noch etwas Neues entdecken – manchmal sind es auch die Künstler. Während ein Teil des Publikums noch bei einer Führung über die merkwürdig basilikaartige Architektur von Schinkels Molkenhaus staunt, stellt Gavriel Lipkind fest, dass die Schinkelkirche von Neuhardenberg viel weniger hallig-sakral klingt als gedacht. Wenige Musiker würden deswegen ihr Programm umstellen, aber Lipkind ist der Meinung, dass Bachs dritte Cellosuite sich viel besser in der konzertsaalähnlichen Akustik ausmacht als die ursprünglich vorgesehene fünfte, die er als eine Art Requiem auffasst.

Auch sonst beweist der 1977 geborene Lockenkopf, dass er Konzertrituale hinterfragt: Er platziert das avantgardistischste Stück ans Ende, gibt keine Zugabe, moderiert alle Stücke plaudernd an und nimmt auch seine Frau, die Geigerin Anna Lipkind, für Ravels Duosonate mit auf das Podium. Das funktioniert, weil Lipkind etwas zu sagen hat und sein Programm auf jeder Ebene durchdacht ist: Von der beeindruckend herausgearbeiteten Jagdszene in Bachs Gigue bis hin zu Ligetis Solosonate, in der sich der junge Komponist virtuos die Hörner abstieß, rundet es sich zu einem geistreichen und dabei emotional tiefgründigen Essay, bei dem es um die Suche nach dem sensiblen Punkt geht, an dem technische Übung, Improvisation und Folklore in Kunstmusik übergehen. Dass Anna Lipkind dem Ausnahmecellisten als Kammermusikpartnerin auf Augenhöhe begegnet, macht den Dialog zwischen Mensch, Raum und Musik perfekt. Carsten Niemann

0 Kommentare

Neuester Kommentar