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Traumzauberbaum. Installation von Katharina Grosse. Foto: S. Schobbert / VG Bildkunst 2013
Traumzauberbaum. Installation von Katharina Grosse. Foto: S. Schobbert / VG Bildkunst 2013

KLASSIK

Ihr schafft das: Die Kinderkonzerte

der Berliner Symphoniker

Sie waren die Pioniere der musikalischen Jugendarbeit in der Mauerstadt. Als die Philharmoniker noch nicht wussten, wie man „Education“ buchstabiert, zogen die Berliner Symphoniker schon mit ihren Instrumenten durch die Schulklassen. Und sie boten die „Konzerte für die ganze Familie“ an, bei denen tausende Kids erstmals mit Sinfonik in Berührung kamen. Als der Senat den Symphonikern dann die Subventionen entzog, wurde die Veranstaltungsserie notgedrungen eingestellt – bis jetzt die Lottostiftung eine Renaissance der Nachmittagskonzerte ermöglichte.

Die Symphoniker trauen den jungen Besuchern dabei viel zu: Während gewöhnlicherweise Klassik für Kinder nach einer Stunde vorbei ist, gibt es hier zweimal 50 Minuten: Zunächst geht es um Mozart und die Türkenmode seiner Zeit. Dabei begrüßt Chefdirigent Lior Shambadal auch Gastmusiker vom Konservatorium für türkische Musik, das seit 1988 in der Kreuzberger Bergmannstraße beheimatet ist.

Radikaler Themenwechsel nach der Pause: Jetzt gibt es das Märchen vom „Hässlichen Entlein“, aufwendig kostümiert vorgetragen vom Schauspieler Thomas Wittmann, mit sprechender, charmant-altmodischer Musik versehen von Anna Segal. Und auch für Akim Camara ist noch Platz, einen hochbegabten 12-Jährigen, der drei Sätze aus Vivaldis „Jahreszeiten“ in die Erzählung einstreut. Die Kinder staunen, lauschen und halten durch. Beim nächsten Termin am 22. Dezember trifft dann der „Nussknacker“ auf Volksmusik aus Tatarstan.Frederik Hanssen

KUNST

Du machst das: Katharina Grosse

im Projektraum Kurt-Kurt

Die Passanten staunen. Aus dem Schaufenster der Lübecker Straße 13 in Moabit leuchtet es blau. Den vorderen Raum des Ladengeschäfts nimmt ein – wenn auch kleingestückelter – Baum ein. Sein mächtiger Stamm und die dicken Äste ordnen sich wie zum Scheiterhaufen: kunstvoll geschichtet und von Katharina Grosse mit intensiven Farben besprüht. Dass die Installation den Projektraum „Kurt- Kurt“ – im einstigen Geburtshaus von Tucholsky, daher der Name – zu sprengen scheint, gehört zu den feinen Volten dieser Arbeit (bis 21. 9.; Do bis Sa. 16–19 Uhr. Am 29. 8., 19 Uhr, Gespräch über Nachbarschaft, Kunst und Migration).

Katharina Grosse zählt zu den international gefeierten Künstlern, die ihre Basis zwar in Berlin haben, aber hier nur temporär anzutreffen sind. Eine Schau in einer Off-Galerie hat sie nicht mehr nötig. „Temporarily Available“ heißt entsprechend die kleine, feine Ausstellungsreihe. Vor Grosse waren mit Hans-Christian Schink und Monica Bonvicini zwei Künstler zu Gast, die ähnlich erfolgreich sind. Was sie darüber hinaus eint: Ihre Ateliers liegen im Bezirk Moabit. Die Betreiber von „Kurt-Kurt“, Simone Zaugg und Pfelder, haben Nachbarn eingeladen. Hier schließt sich der Kreis: Sie sind selbst Künstler und an ihrem Umfeld interessiert. Und an „Kunstproduktion, die hier ihren Ausgangspunkt hat und dann in die Welt ausstrahlt“.

Tatsächlich stand der Baum, der sich nun im Raum befindet, über Jahre vor Grosses Atelier. Bis er kürzlich zersägt an der Straße lag und die Künstlerin spontan entschied, die Einzelteile von ihren Assistenten einsammeln zu lassen. „Ich wollte schon länger etwas mit einem Baum machen“, meint Katharina Grosse, die sonst Wände, gekrümmte Scheiben, Kugeln oder Sofas mit ihrer abstrakten Farbfeldmalerei aus der Spraydose überzieht. Ein natürliches Material wie Holz war bislang nicht unter den Materialien. Deshalb ahnte sie auch nicht, wie aufwendig es behandelt werden muss.

Die Idee von „Kurt-Kurt“ kam ihr gerade recht. Eine Intervention im Raum für knappe zwei Wochen war die perfekte Voraussetzung für ein Experiment, das nun in der sehenswerten Ausstellung mit dem Titel „mein schreibtisch, das schneefeld“ mündet. Eine Installation, die nach außen drängt, weil sie das Ladenlokal fast zum Platzen bringt. Wer sie umrunden will, hat Mühe, doch jeder Wechsel bietet spannende Perspektiven. Manche Äste hat die Künstlerin nahezu komplett mit einem irisierenden Blau eingefärbt. Andere spielen mit der Wirkung der dunklen Rinde und den Rändern, an denen die Säge angesetzt hat.

Street Art und Natur treffen zusammen. Dieser Dialog spiegelt sich an vielen Stellen in der Stadt. Das macht ihre Vielfalt aus. Genau so haben es sich Simone Zaugg und Pfelder gewünscht: Ihr Kunstraum führt ein Stück „gemeinsame Alltagswelt“ vor. Christiane Meixner

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