KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Österreich singt: Iván Fischer

mit dem Konzerthausorchester

Wenn ein großes Ensemble hinter seinem Chef steht wie das Konzerthausorchester hinter dem Dirigenten Iván Fischer, überträgt sich diese Sympathie auf das Publikum. So brandet nach dem liegenden Akkord, mit dem die 9. Symphonie von Bruckner endet, im Konzerthaus respektvoller Beifall auf. Dass der Komponist in dem „Abschied vom Leben“ seinem Vorbild Wagner huldigt, steht außer Frage. Der Gesang der Tuben in diesem letzten Adagio fasziniert. Und doch enthält die Monumentalsymphonie eine Zukunftsvision von musikalischem Expressionismus, die ins 20. Jahrhundert weist. Es sind die Momente des Unerhörten, die in Fischers Interpretation, ihrem tönend bewegten Schwung, verblassen.

Er geht mit dem Orchester in die zweite Spielzeit und fühlt sich dem Erbe des unvergessenen Kurt Sanderling verpflichtet, wie er seine Position in elegantem Sprung über fünf Chefdirigenten der Zwischenzeit definiert. Im Gruppenspiel der Instrumente erweist sich, dass er ein guter Orchestererzieher ist. „2 x unvollendet“ heißt sein Aboprogramm, gemeint sind jener letzte Bruckner und die Unvollendete von Schubert (noch einmal heute, 20 Uhr). Wesentlich unterscheiden sie sich darin, dass der Liederkomponist sein Werk 1822 beiseitegelegt, der St. Florianer aber bis zu seinem Tod um Vollendung einer Musik gerungen hat, die er „Dem lieben Gott“ widmen wollte. Der Umstand des Fragmentarischen ist weniger verbindend als das österreichische Idiom beider. Daran verausgabt sich der feurige Ungar, ohne dem weichen Charakter des einen und der verschärften Polyphonie des anderen Werks mit viel Differenzierung zu begegnenSybill Mahlke

THEATER

Bewegend: Büchners „Danton“

in der Vagantenbühne

Was ist es, das „in uns mordet, lügt, stiehlt?“ Diese Frage hat Georg Büchner zeit seines Lebens umgetrieben. Denn er musste erkennen, dass auch der von der Französischen Revolution geschaffene „neue Weltzustand“ auf Blut, Terror, Verrat und Unterdrückung nicht verzichtete. Oder war der Mensch zu schwach, diesen neuen Weltzustand zu leben, zu gestalten?

Büchner machte in „Dantons Tod“ dieses Menschheitsproblem politischer, geistiger und moralischer Unfähigkeit an historischen Persönlichkeiten der Revolutionsjahre fest. Martin Jürgens folgt ihm in seiner Bearbeitung des ausufernden Stücks für die Vagantenbühne auf eigentümliche Weise. Er drängt das Politische zurück, verzichtet fast völlig auf die Redeschlachten vor Jakobinerclub und Revolutionstribunal und lässt eine sehr nachdenkliche Suche nach Glück spielen. Nur noch ein flüchtig gezimmertes Handlungsgerüst bleibt von Büchners Werk, reduziert auf Danton, Robespierre, Camille Desmoulins und die Frauen Marion, Julie und Lucile. In den Beziehungen zwischen diesen sechs Menschen legt Jürgens, der auch Regisseur der Aufführung ist, die Sehnsüchte bloß, einen Platz im Leben zu finden. Das hat gebändigte Leidenschaft, Ruhe, Intimität, manchmal fast Zärtlichkeit und Stille zur Folge. Aber es gibt auch ein Ringen um Macht, um Selbstbehauptung, um das Ich. Die Bezüge zum Gegenwärtigen ergeben sich dabei von selbst, und es ist beeindruckend, wie es Jürgens und dem Ensemble gelingt, in die Tiefe zu gehen.

Olga Lunow macht das ganze Theater zum Ereignisort, in rötlichem Licht steht ein gegliedertes Podest zwischen den Zuschauerblöcken – schnelle Szenenwechsel sind möglich und fast geisterhafte Auftritte und Abgänge der Schauspieler durch geheimnisvolle Türen. Die Darsteller holen die Zerrissenheit ihrer Figuren heraus, ihr Anrennen gegen eine verrenkte Weltordnung, der sie unterliegen müssen. Christoph Bernhard ist ein robuster und zugleich tief verzweifelter Danton, Maximilian Held ein von Hass entstellter Robespierre. Regina Gisbertz verleiht ihrer Marion unantastbare Würde, Klugheit und geheimnisvoll erotische Anziehungskraft. Der Abend wirkt lange nach in seiner menschlichen Reife und diskursiven Abgeklärtheit (wieder am 31. August, 2., 3. sowie 25., 26. und 27. September). Christoph Funke

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