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KLASSIK

Unterkühlt ist besser:

Dmitrij Kitajenko im Konzerthaus

Nirgendwo war das Genre der politischen Symphonie beliebter als in der Sowjetunion. Da sind, natürlich, die 15 Symphonien von Schostakowitsch: Reaktionen auf den Horror des Zweiten Weltkrieges und des Stalinismus. Aber auch Prokofjew schrieb nach dem Sieg eine Kriegssymphonie in es-Moll, in der sich innige Lyrizismen mit martialischem Getrommel und Triumphmärschen verschränken. Es spricht für Dmitrij Kitajenko, seit 2012/13 Erster Gastdirigent des Konzerthausorchesters, dass er das Werk nicht mit voller Emphase angeht, sondern im Gegenteil verhalten, reflektiert, so als wolle er eine zweite Gedankenebene einziehen: Seht her, so entsetzlich ist der Krieg. Minimalistisch, fast zärtlich fließt seine Gestik dahin, kaum je erlaubt er sich größere Emotionen.

Prokofjew steht so ein kühler Zugang gut an, bei der anderen sechsten Symphonie des Abends, Tschaikowskys "Pathétique", ist es fehl am Platz: Ohne Leidenschaft, ohne innig empfundene Schmerzenstiefe wirkt selbst dieses Schlüsselwerk im Schaffen Tschaikowskys hohl. Asepetisch rauscht der eigentlich so feurige dritte Satz vorbei, und dass an seinem Ende niemand klatscht im Konzerthaus – eine kleine Sensation, üblicherweise klatscht immer jemand nach dem dritten Satz – mag man plötzlich nicht mehr einem informierten Publikum zuschreiben, sondern mangelnder Begeisterung. Auch das Adagio lamentoso des vierten Satzes bleibt erschütterungsfrei, der Schlussapplaus will nur schleppend anlaufen. Da kommt ein altgedienter Dirigent aus der Leningrader Schule und entlarvt mit einem Abend alle Vorstellungen vom russischen Pathos als Klischee, als deutsche Brille. Ein Abend, der nachdenklich macht. Udo Badelt

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