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AM RANDE DER ART WEEK

In der Zauberküche: Les femmes savantes in der Kindl-Brauerei

Im Sudkessel gurgelt’s. Aber das ist nicht die Maische, sondern ein Mensch. Ute Wassermann ist in die Kupferpfannen gestiegen und schickt kehlige Laute ins metallene Rund. Wie Kugeln scheinen die Töne an den Wänden entlangzurollen, vorbei an den Ohren der Zuschauer und Zuhörer, die acht Leitersprossen mit hinabsteigen durften. Wie die Sängerin, Performerin und Komponistin die Akustik auslotet, ist phänomenal.

Ute Wassermann und die vier weiteren Mitglieder des Berliner Klangkollektivs Les femmes savantes sind die Ersten, die pünktlich zur Berlin Art Week die ehemalige Kindl-Brauerei im Neuköllner Rollbergkiez wiederbeleben, im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gäste“. 2005 wurde der Standort aufgegeben; noch ist hier Baustelle, im Herbst 2014 soll das Industriedenkmal als Zentrum für zeitgenössische Kunst eröffnen. Gekauft hat das Gebäude ein Schweizer Kunstsammlerpaar. Der Berner Kurator Andreas Fiedler wird für das Programm verantwortlich sein, geplant sind thematische und monografische Ausstellungen mit internationalen Künstlern. Das Sudhaus, das sich Les femmes savantes für diesen Mittwochabend ausgesucht haben, wird einmal Café und Buchladen.

Andächtig laufen die Frauen durch die Zuschauerreihen. Flüsternd lesen sie aus alten Lehrbüchern, erzählen , dass die Brauer früher Kräuter beifügten – gegen Hexen. Dabei fühlt man sich im Dämmerlicht zwischen den Kesseln selbst wie in einer Zauberküche. Sabine Ercklentz entlockt ihrer Trompete ein Brodeln. Die schwedische Soundkünstlerin Hanna Hartman legt Bodenscheiben aus, wenn man sich darauf setzt, blubbert es unter dem Hintern. Leise klirren Flaschen vom Band, während Andrea Neumann elektronisches Donnern durch die Halle schickt, auf dass alle sechs Kupferpfannen zu vibrieren beginnen. Mit ihrer sinnlichen Konzertperformance verneigen sich Les femmes savantes vor der beeindruckend repräsentativen Architektur und ihrer Geschichte. Anna Pataczek

MUSIKTHEATER

Unter dem Regenschirm: „Hoffmann“ in der Tischlerei der Deutschen Oper

Studioaufführungen an großen Opernhäusern sind beliebt: Sie bieten jüngeren Ensemblemitgliedern die Chance, sich jenseits von unterfordernden Nebenrollen zu profilieren und schaffen einen Freiraum für Experimente, die auf der großen Bühne kaum gewagt werden – etwa, die großen Repertoireopern neu zu bearbeiten. Dass daraus trotzdem nicht notwendig eine dramaturgische Win-win-Situation entsteht, zeigt die Uraufführung von „Hoffmann“, nach Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ in der Tischlerei der Deutschen Oper.

Für sich genommen präsentierten sich die Beteiligten durchaus zu ihrem Vorteil: Die musikalische Leiterin Anne Champert hat Offenbachs Partitur mit offenem Ohr für wesentliche Klangfarben auf ein Ensemble aus Klavier, Orgel, Klarinette, Bratsche und Kontrabass reduziert und auch glaubhaft Übergänge zu ihren neu komponierten, geisterhaft-abstrahierenden Entreactemusiken geschaffen. Die Substanz der drei Hauptpartien bleibt so weit erhalten, dass sich der Tenor Paul Kaufmann mit französischer Leichtigkeit in der Höhe, die Sopranistin Alexandra Hutton mit Koloratursicherheit und der Bassbariton Seth Carico mit Ausdrucksstärke und farbenreichem Timbre empfehlen können. Für die Idee, eine Regenstimmung mit auf Schirmen gespießten Wasserflaschen zu erzeugen, erhält Regisseur Jakop Ahlborn sogar Szenenapplaus. Ein zwingendes Argument aber, warum die Reduktion und der mit ihr verbundene Verlust an erzählerischer Klarheit sowie orchestraler Opulenz dramaturgisch notwendig ist, können die ästhetischen Traumvisionen nicht bieten. Carsten Niemann

KLASSIK

Raus aus der Praxis: Stefan Willich und das World Doctors Orchestra

„Ist ein Arzt im Saal?“ Eine Frage, die bei diesem Konzert keinen Schrecken, sondern höchstens Gelächter auslösen würde. Sitzt doch eine Hundertschaft von Medizinern auf dem Podium der Philharmonie. Trotz der bekannten Affinität der professionellen Heiler zur Musik, trotz zahlreicher regionaler Ärzteorchester stellt das 2007 von Stefan Willich gegründete World Doctors Orchestra ein einzigartiges Projekt dar. Willich, Grenzgänger zwischen Musik und Medizin, war jahrelang in führender Position an der Charité tätig, seit 2012 leitet er als Rektor die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

Das in Berlin vorgestellte Programm changiert geschickt zwischen sinfonischen Schwergewichten und Potpourri-Charme. Neben Beethovens Coriolan-Ouvertüre und Richard Strauss’ „Tod und Verklärung“ bekommt das hingerissene Publikum Arien mit Jochen Kowalski und neu arrangierte Jazzsongs mit einem Trio um die Sängerin und Pianistin Donna Brown zu hören. Man staunt, wie leidenschaftlich musiziert wird, mit welchem Ingrimm die ersten Beethoven-Akkorde ins Publikum geschleudert werden, wie präzise die Pizzicati im Pianissimo sitzen, wie schön die Flöten- und Oboen-Soli bei Strauss aufblühen, wie einfühlsam die Vokalsolisten begleitet werden. Stefan Willich, dessen Gestik ein wenig an die Christian Thielemanns erinnert, hat in einer einzigen Probenphase hervorragende Arbeit geleistet. Benedikt von Bernstorff

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