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von

KLASSIK

Auf Golgatha: die Philharmoniker

mit Pendereckis Lukas-Passion

Nur einen Augenblick lang herrscht Stille in der Philharmonie, dann wird sie zerrissen von schwarzgalligen Akkorden der tiefen Streicher, schrill kontrastiert von den Engelsstimmen des Knabenchors. Vom ersten Moment an ist es da: das plastische, haptische, filmische Moment in Pendereckis Lukas-Passion, die mit den Händen zu greifende Unmittelbarkeit, mit der das Geschehen auf Golgatha erzählt wird. Sie sichert dem Werk seit der Uraufführung 1966 den Status, eines der erfolgreichsten Stücke Neuer Musik zu sein.

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung des Penderecki-Schülers Antoni Wit stürzen sich drastisch in die Klangfelder, Cluster und Zwölftonreihen. Vor allem die Celli und Kontrabässe werden von Penderecki heiß geliebt, die hohen Streicher bleiben dagegen oft unterbeschäftigt, auch ein ungewohnter Anblick. Ganz in Bach’scher Passiontradition ist dem Chor die Rolle des jüdischen Volkes zugewiesen. Der in drei gemischte Gruppen geteilte Philharmonische Chor Warschau schraubt und rutscht glissandierend die Töne entlang. Statt Evangelist ein Sprecher: Daniel Olbrychski übertreibt es allerdings mit seinem schnarrenden, knarzigen Latein. Herrlich hysterisch der Sopran von Christiane Libor, sanftmilde Bass (Stephan Klemm) und Bariton (Jaroslaw Brek). Trotz starken Beifalls: Letztlich läuft in Pendereckis Stück alles auf Effekte hinaus. Dissonanzen für den Schrecken, Konsonanzen für die Liebe. Die musikalischen Mittel sind avantgardistisch, ihre Verwendung konventionell. Udo Badelt

TANZ

In meinem Film bin ich der Star:

Alexandra Bachzetsis im HAU

Klotzen statt kleckern – das müssen sich heute auch die Künstler hinter die Ohren schreiben. Ohne Selbstmarketing läuft nichts. Wenn Alexandra Bachzetsis vor der Videokamera ihre künstlerische Biografie erzählt, staunt man nicht schlecht. Denn die griechisch-schweizerische Performerin hat ihren Lebenslauf dreist aufgemotzt, um nicht zu sagen: gepimpt. Auch der Titel ihres Stücks ist eine glatte Lüge, denn Bachzetsis steht in „A Piece Danced Alone“ nicht allein auf der Bühne des HAU 3, mit Anna Pajunen hat sie ein Double oder auch eine blonde Rivalin mitgebracht. Das HAU präsentiert zur Berlin Art Week eine Reihe von Performances. Mit Bachzetsis stellt es eine Künstlerin vor, die ihre Arbeiten sowohl für das Theater als auch für den Ausstellungsraum konzipiert. Sie hat sich immer wieder mit den visuellen Codes der Popkultur beschäftigt, und dabei besonders die stereotypen Weiblichkeitsbilder ins Visier genommen. Zu Beginn ihres ersten Solos lässt die dunkellockige Bachzetsis lasziv die Hüften kreisen – und blickt die Zuschauer herausfordernd an. Pajunen versucht dann, diese Anmache noch zu überbieten. Sie variiert oder imitiert in „A Piece Danced Alone“ ständig die Bewegungen von Bachzetsis, doch Fragen nach Original oder Originalität erledigen sich von selbst. Die beiden deklinieren das Repertoire verführerischer Posen durch. Sie durchqueren die verschiedenen Frauenbilder und zeigen dabei das Eingeübte und Vorgestanzte dieser Bewegungen. So hat man es immer mit der Kopie einer Kopie zu tun. Am Ende verschmelzen die beiden Tänzerinnen zu einem Körper mit vier Armen – und selbst dann nesteln sie noch an ihren Klamotten und überprüfen ihren Look. Frauen erliegen dem schönen Schein – bis zur Selbstverleugung. Eigentlich kein überraschender Befund. Sandra Luzina

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