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POP

Zwischenweltler: 

Guaia Guaia im Privatclub

Auf der kleinen Bühne des locker gefüllten Privatclubs steht das NobelpennerStraßenmusiker-Duo, über das in den letzten Monaten so viel geschrieben, über das sogar ein Film gedreht wurde. Guaia Guaia schmettern ihr „Pfandflaschenbusiness“. Das ist ziemlich seltsam, weil vor dem Club tatsächlich jemand mit großen Taschen auf das Leergut der Konzertbesucher spekuliert. Die Lieder von Carl Luis Zielke und Elias Gottstein erzählen vom Wunsch, ein Leben jenseits der gesellschaftlichen Norm zu führen und von den Problemen, die dieser Wunsch mit sich bringt. Gitarre, Posaune, Laptop und ein zusätzlicher Schlagzeuger lassen dazu eine Mischung aus Ska, Big Beat und Hip-Hop entstehen, die in ruhigen Momenten nach einem etwas räudigeren Clueso, mal nach einer Lofi-Bordsteinkantenversion von Major Lazer klingt.

Eine Party also, bei der ein Thema großräumig umfahren wird: Guaia Guaia stehen bei der größten Plattenfirma der Welt unter Vertrag und treten bei Stefan Raabs „Bundesvision Song Contest“ an. Ganz so frei sind sie in ihren Entscheidungen wohl nicht mehr. Und statt mit dem selbst gebauten Lastenrad sind sie nun mit Kfz und Tourmanager unterwegs – ein Widerspruch, den die beiden in Interviews durchaus thematisieren. Beim Konzert spielt er keine Rolle. Stattdessen kommt der Hit mit den Autos, die hoch und den Bomben, die runterfliegen und im Zugabenblock ein Schunkelsong. „Guaia Guaia und die Polizei, eine Liebe, die geht nie vorbei“ lautet da die Parole. Ein bisschen Folklore muss sein. Jochen Overbeck

OPER

Zwölftonboulevard: Ernst Krenek

in der Werkstatt der Staatsoper

Zögerlich tritt Edwin aus dem Taumel im Hintergrund auf den Steinboden des neonbeleuchteten Kubus – der Startschuss zum Kammerspiel „Vertrauenssache“ (wieder: 25., 28., 29.9.; 5./6.10.). Zwei Liebende, gepeinigt von Misstrauen, ziehen aus, das Vertrauen zu lernen, finden Ernüchterung, aber auch neue Liebe. Es bilden sich zwei neue Paare, ähnlich wie in Mozarts „Cosi“, nur ohne Widerruf. Alles Boulevardeske seziert Regisseur Neco Çelik an der Werkstattbühne der Staatsoper und findet in Ernst Kreneks dodekafonischer Partitur von 1945 eine Welt an Subtext und Skepsis vor, die er körpersprachlich sichtbar macht. Selbst durch die intimsten Dialoge geistert der oder die Andere, greift ein und straft Worte durch Taten Lügen. Die These, nur mit Selbstvertrauen könne man dem anderen vertrauen, offenbart sich pantomimisch: Vom gekrümmten Wurm mutiert Edwin erst zum Bodybuilder mit abgeknicktem Arm, dann zum stolzierenden Storch. Richard (Kim Schrader), der seinen Anzug gerade noch voller Selbstsicherheit vor Gloria abstreifte, rennt fortan halb angezogen dem Geschehen hinterher. Die wunderbar ausbalancierte Mischung der Stimmen befördert noch die Überzeugungskraft der doppelbödigen Umsetzung. Stets lässt der Kontrast zwischen Edwins (Timothy Sharp) Ringen nach innerer Festigkeit und Glorias (Narine Yeghiyans) ironisch-scharfkantiger Virtuosität die kreneksche Ambivalenz durchschimmern, die Günther Albers vom Klavier aus in ein wohltuend luftiges Gewand hüllt. Leichtfüßiger Fluss verhindert jede Schwere und lässt die atonale Faktur wie Salonmusik klingen. Barbara Eckle

KLASSIK

Zukunftsbejahung: Junge Deutsche Philharmonie im Konzerthaus

Es sind einige Herausforderungen, denen sich die Junge Deutsche Philharmonie im Konzerthaus stellt: Die Vorstellung eines erst am Tage zuvor uraufgeführten Werks, ein Rendezvous mit einer Spitzensopranistin und dann noch die Aufführung von Béla Bartóks Konzert für Orchester, das fast allen solistische Qualitäten abfordert. Die größte Herausforderung für das „Zukunftsorchester“ aus hochbegabten Musikstudenten liegt jedoch im Programm selbst: Denn in jedem Stück sind Zukunftsvisionen mit Visionen des Abschieds und des Todes verknüpft. Man kann es den Musikern und ihrem aufstrebenden Dirigenten David Afkham kaum übel nehmen, dass ihnen kraftvolle Lebensbejahung mehr liegt als Morbidezza. Schon allein deswegen nicht, weil sie sich in Richard Strauss’ „Vier letzten Liedern“ auf Gleichklang mit der Solistin Christiane Oelze begeben: mit einem volumenreichen, edlen, transparenten Orchersterklang von begeisternder Intonationsreinheit, aus dem sich die Soli von Horn, Holzbläsern und Geige mit virtuoser Souveränität lösen. Vor poetischer Zuspitzung hütet sich Afkham dagegen etwas zu sehr: Der Akzent auf dem Wort „wandermüde“ etwa ist nur eine prägnante Betonung und kein letztes Aufraffen. Überzeugend dagegen die energisch aufsteigenden Skalen zu Beginn von Beat Furrers druckfrischen „strane costellazoni“, auch wenn die Klangereignisse im weiteren Verlauf nicht ganz so raffiniert geschichtet sind wie in anderen Werken des Komponisten. Dass aber auch bei einem Überschuss an positiver Energie eine Wirkungssteigerung möglich ist, beweisen die Musiker schließlich mit einem lebensbejahenden Finale von Bartóks Konzert. Carsten Niemann

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