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KLASSIK

Gegensätze: Cornelius Meister

und Rafal Bechacz beim DSO

Er ist gerade erst 33 Jahre alt – und schon Widmungsträger einer großen Partitur. 2005, in seiner ersten Saison als Heidelberger Generalmusikdirektor, hatte Cornelius Meister den Schweizer David Philip Hefti zum composer in residence ernannt. 2011 bedankte der sich mit dem Stück „Changements. Stimmungsbilder für Orchester“. Bei seinem DSO-Auftritt am Wahlsonntag hat Meister dieses ihm dedizierte Werk mit dabei: Eine Kino-im- Kopf-Musik, die dank mannigfaltiger Klangeffekte die Hörerfantasie anzuregen weiß, handwerklich anspruchvoll gearbeitet und ähnlich unterhaltsam wie Tondichtungen von Richard Strauss.

Sehr unterschiedliche Temperamente stoßen in die Philharmonie bei Schumanns Klavierkonzert aufeinander: Meister, der sympathische Sanguiniker, muss sich ziemlich zügeln, um seinem melancholisch veranlagten Solisten Rafal Blechacz Raum zur Entfaltung zu lassen. Der 29-jährige Pole ist ein Pianissimo-Poet, das feingliedrige, perlende Spiel sein Markenzeichen. Unendlich zart ertastet er den Beginn des Intermezzos, und auch in den Ecksätzen gelingen ihm anrührend traumverlorene Passagen. Von Leidenschaft allerdings wissen die Solobläser in ihren melodischen Einwürfen mehr als der Pianist. Und die Dramatik, die Schumanns Konzert ja durchaus auch innewohnt, bleibt unterbelichtet.

Wenn Cornelius Meister nach der Pause dann Brahms’ 2. Sinfonie dirigiert, mit expressiver, aber nie exaltierter Gestik, sieht man einem Dirigent zu, der ein Werk, das er wirklich liebt, einfach nur zu seinem eigenen Vergnügen genießen will. Was es dem Publikum leicht macht, es ihm gleich zu tun. Frederik Hanssen

KUNST

Gegenwart: Judy Radul

in der Daad-Galerie

Los ging’s mit der Fernbedienung. Ist eine Sendung zu langweilig: weggezappt! Inzwischen kann man dank Internet und tragbaren Geräten sogar selbst bestimmen, wo und wann man welches Programm schaut. Judy Radul will noch mehr Einfluss – und zumindest im Daad- Galerieraum funktioniert alles nach ihren Regeln (Zimmerstraße 90/91, bis 19. 10., Mo-Sa 11-18 Uhr). Auf einem Bildschirm läuft das reguläre TV-Programm, doch immer wieder wird das Bild dunkel oder friert ein. Kameras, die auf einen weiteren Fernseher gerichtet sind, nehmen die Bewegungen, die dort über die Mattscheibe flimmern, auf und wandeln sie in Signale um, die die Ausstrahlung des ersteren Programms manipulieren.

Radul, 2012 Gast des Daad-Künstlerprogramms, treibt ein konzeptuelles Denkspiel rund um Medien und das zunehmend überflüssige Fernsehen. So betitelt die Kanadierin einen zehnminütigen Film mit „This is television“ und zeigt den Mond, wie er von einer zur anderen Seite wandert. Radul verweist auf einen poetischen Zusammenhang: Der Mond war vor der Erfindung des Fernsehers die Scheibe, auf die die Welt gemeinsam gestarrt hat. 1969 dann schauten 600 Millionen gebannt in die Kiste – als die Mondlandung übertragen wurde. Weil heutzutage weder der eine noch das andere die Massen eint und das Leben taktet, hat die Künstlerin sich für eine anachronistische Präsentationsform entschieden.

Die Filminstallation ist ein 16-mm-Streifen, der mit einem ratternden Projektor an die Wand geworfen wird. Es wäre heute schon interessant zu wissen, wie sich Judy Radul einmal in 20 Jahren das Internet vorknöpft. Anna Pataczek

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