KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Liebt es düster. Die schwedische Musikerin Anna von Hausswolff. Foto: City Slang
Liebt es düster. Die schwedische Musikerin Anna von Hausswolff. Foto: City Slang

KLASSIK

Abschiedswerk: Die Philharmoniker spielen Mahlers Zehnte

Den ersten Satz, das große Adagio von Mahlers Zehnter, lässt man sich noch gern gefallen im ausverkauften Haus der Berliner Philharmoniker unter Daniel Harding: Die lange, zögerlich ausgebreitete Kantilene der Bratschen ganz zu Anfang, die von den anderen Streichern und den Posaunen abgelöst wird, zum Sterben schön klingt das, es reißt am Herzen. Oder die immer neuen Gipfelpunkte, die danach zwar angesteuert werden, aber schließlich doch nur in Form von Miniatur-Generalpausen daherkommen, nach denen es wie geläutert weitergeht. Im besten Sinne raffiniert. Oder die sonderbaren harmonischen Türen, die die Blechbläser aufstoßen: als würde man von einer ersten in eine ganz andere Dimension wechseln. Und über all dem das Stechen eines langen Trompetentons. Der ganze Saal scheint sich Zeit zu nehmen für diese bedächtig entfaltete Musik, lässt sich ein auf eine Symphonie, deren weitere Sätze nicht der Komponist selbst, sondern ein Späterer bearbeitet hat: der englische Musikwissenschaftler Deryck Cooke, der die vorhandenen Skizzen 1964 ergänzte.

Diese besondere Situation führt freilich dazu, dass man den Rest dieser Pastiche-Zehnten mit Argwohn hört: War das wirklich Mahler, der der Auszehrung des vierten Satzes mit seinen sklerotischen Trommelschlägen zu schwärzesten Tubaklängen und dann dem nahtlosen Übergang ins Finale eine Art Meditationsmusik folgen ließ, nämlich eine harmonisch unterkomplexe Streicherpassage zu lieblichem Flötengesang? Oder war es nicht doch Cooke, dem dieser vierte und fünfte Satz die meiste Arbeit auferlegten beim Ergänzen? Oder sollte man vielmehr an die Lebenskrise denken, die 1910 über Mahler kam, nur wenige Monate vor seinem Tod? Und wieso nimmt dieser Finalsatz kein Ende, woran liegt das nun wieder? Viele Rätsel. Große Beruhigungskraft, die von dieser Musik ausgeht. Harding am Pult aber behält die Oberhand, dirigiert sehr fein, sehr gut, ein Meister des zarten, brüchigen Tons. Christiane Tewinkel

POP

Jenseitsgrüße: Anna von Hausswolff orgelt in der Volksbühne

Himmlischer Vater, wir danken dir! Dafür, das du uns diese Erscheinung geschenkt hast, die in der Volksbühne im schwarzen Kleid über die Bretter schwebt und in die Orgel hämmert als gäbe es kein Morgen. Halleluja! Demütig senken wir unser Haupt zum Gottesdienst, gefangen von einer Musik, die mit wimmernder Spiritualität unsere Nachtseite zum Schwingen bringt. Ja wirklich, das hebt ab, ganz langsam, aber entschlossen dem Jenseits zuwinkend.

Anna von Hausswolff heißt die junge Frau aus Göteborg, die mit ihrem „Funeral Pop“ die Schönheit des Dunklen preist, wie es sich Nick Cave nicht mal am Totensonntag zutrauen würde. Eine mutige Performerin am Rande der Popmusik, die sich Songtitel wie „Funeral For My Future Children“ ausdenkt und schon mal Sachen sagt wie „Tod ist der Zustand, in dem wir wieder eins sind mit der Natur“. Dabei wäre es eine Todsünde, die Tochter des Tonbandkünstlers Carl Michael von Hausswolff als Gothic-Act abzutun. „Kate Bush hängt am Glockenseil“ wäre schon passender, nur klingt alles viel besser. Bei der Live-Präsentation ihres zweiten Albums „Ceremony“, das mit einer alten Kirchenorgel eingespielt wurde, wird sie von vier Kerlen begleitet, die ihr mit dumpf pochendem Schlagwerk, zwei Spiel- mir-das-Lied-vom-Tod-Gitarren und wie aus feuchten Kellern heraufhallendem Keyboardgedröhne eine Klangkathedrale bauen, deren sakraler Donner nie in dissonante Bereiche vorstößt und an den Rändern die schönsten Melodien wachsen lässt. Dabei spannt sich der Bogen weit: Tonnenschweres Orgelbrummsausen, psychedelisch stimulierter Düster-Rock, cinematische Morricone-Stimmungen, im Schatten gewachsene Folk-Preziosen, die nach Delirium und Verzweiflung schmecken. Doch der blonde Engel erhebt sein lockiges Haupt über all diese Niederungen und jubiliert mit einer Stimme, deren durchdringenden Vokale einen nicht nur an Kate Bush erinnern, sondern auch daran, wie schön es sein kann, wenn man beim Musikhören eine Gänsehaut bekommt. 70 wundervolle Minuten lang drückt einen diese Geistermusik niemals nieder, sondern erhebt den Hörer und lässt das Herz den Tropfen Blut schwitzen, der das Leben so süß macht. Und der Tod sitzt neben dir – wenn er deine Schulter berührt, heißt es Abschied nehmen von all der Liebe. Volker Lüke

KLASSIK

Verpuffende Pointe: Robert Leonardy

mit Schubert und Ravel

Der Pianist Robert Leonardy, viele Jahre Professor in Saarbrücken, hat sich mit einem staunenswert vielseitigen Repertoire hohes Ansehen erworben. Im Kammermusiksaal der Philharmonie spielt er Schumann und Ravel – eine reizvolle Kombination, steht doch kein deutscher Romantiker der französischen Klaviermusik so nahe wie Schumann. Das Programm des Konzerts zielt aber offenbar eher auf den Kontrast zwischen den beiden. Jedenfalls folgt der wunderbar preziös-distanzierte Tombeau de Couperin Ravels auf Schumanns Faschingsschwank aus Wien, in dem sich empfindsame Momente gegen absichtlich derbe Passagen zu behaupten haben.

Leonardys Interpretation des Faschingsschwanks enttäuscht. Der Klang wirkt durchgehend kompakt, was sich an gegenstrebigen Nebenstimmen ereignet, dringt zu selten durch. Die scharfen Dissonanzen etwa, die sich im Intermezzo in fast jedem Takt finden, muss man sicherlich nicht herausdonnern, sie sollten aber doch den energisch vorwärts drängenden Klangstrom irritieren. Bei Leonardy hört man sie fast gar nicht. Die rhythmischen Pointen des Finales verpuffen, weil der Pianist gerade an den Übergängen das Tempo (zu) frei nimmt. Die zahllosen Ritardandi bei Schumann, von denen die wenigsten im Buche stehen, wirken nicht ausdrucksvoll, sondern routiniert.

Nach diesem Schumann und der ebenfalls in eher ungefähren Umrissen dargebotenen Auswahl aus dem Tombeau de Couperin gelingt Leonardy zum Abschluss des Konzerts unerwartet eine geradezu fantastische Interpretation von Ravels rasend schwerem Gaspard de la nuit. Der wie ausgewechselt wirkende Pianist beeindruckt mit einem ebenso kultivierten wie kraftvollen, formbewussten wie detailgenauen Spiel, auch in den virtuosesten Passagen klingt nichts verwischt. Insgesamt also ein merkwürdig zweigeteiltes Konzerterlebnis. Benedikt von Bernstorff

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