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KUNST

Überraschend: Automatenkunst

im Jüdischen Museum

„Kauf mich“ fordern die Tütchen hinter den Glasfenstern. An einem Warenautomaten aus den 70er Jahren können die Besucher im Jüdischen Museum kleine Kunstwerke ziehen. Wo früher bleiche Sandwiches oder Orangensaft aus der Tüte angeboten wurde, sind jetzt Miniatur-Originale deponiert. Sieben jüdische Künstler, die in Berlin leben, steuern für die Aktion eigens angefertigte Werke bei (Dauerausstellung, Lindenstraße 9 - 14, Mo 10 - 22 Uhr, Di - So 10 - 20 Uhr).

Die Britin Zara Verity Morris hat eine Mesusa aus Papier gebastelt, wie sie sonst an den Türen von jüdischen Haushalten hängt. Statt der Gebetsrolle verbirgt die Künstlerin darin einen Comic, der von ihren Kindheitserinnerungen erzählt. Der Kunstautomat knüpft mit dem kleinen Format an das alte Spiel vom Kaufmannsladen an. Er befördert den Rückgriff in die Kindheit. Die Amerikanerin Alexis Hyman Wolff sammelte auf der Suche nach ihrer Identität in Kalifornien Wurzeln und goss deren Umrisse als Kerzen in Wachs. Jede Arbeit erscheint in einer Auflage von 50 Stück, mit Erklärung und Biografie der Künstler. Alle drei Monate wird das Angebot wechseln. Was sich in den einzelnen Fächern verbirgt, bleibt eine Überraschung. Mit vier Euro hält sich das Risiko in Grenzen. Im Zweifelsfall eignen sich die sorgfältig gepackten Tütchen auch als Mitbringsel für die Lieben daheim. Simone Reber

FILM

Kurvig: Tine Wittler in der Doku

„Wer schön sein will, muss reisen“

Tine Wittler renoviert wieder. Diesmal wirkt sie allerdings nicht, wie jahrelang als RTL-Moderatorin, in heruntergekommenen Wohnungen und Messie-Behausungen. Sondern will das westliche Frauenbild aufmöbeln. „Wer schön sein will, muss reisen“, hieß ihr Buch. Nun figuriert sie zentral in René Schöttlers gleichnamigem Dokumentarfilm (in Berlin im Cinemaxx Potsdamer Platz, Titania-Palast, Filmkunst 66).

Wie entsteht Schönheit? Die europäische Bohnenstangen-Schlankheitsnorm lehnt Wittler ab, und so reiste sie geradewegs nach Mauretanien, wo füllige Frauen als besonders schön gelten. Aus über 100 Stunden Rohmaterial wurde ein 93-Minuten-Film – immer mit Wittler im Mittelpunkt, für die es wegen eigener Körperfülle „ganz klar war, dass ich das so persönlich behandeln muss“ .

Mauretanien also, eines der ärmsten Länder der Welt. Und ausgerechnet hier, erklärt der Film, werden trotz eklatanten Nahrungsmangels schönheitshalber enorme Summen in die, nunja, Mästung der Frauen investiert. Merkwürdig nur, dass die Passantinnen vor der Kamera figurtechnisch erstaunlich normal wirken. Die Männer allerdings müssen, wenn sie sich denn bei Frauen Chancen ausrechnen wollen, geradezu hager sein. Zur Legitimation der weiblichen Üppigkeitsthese zieht Wittler unter anderem örtliche Taxifahrer und Philosophen heran. Alle versichern, dass sie schlanke Frauen schlicht „hässlich“ finden.

Worauf sich bei derlei vagen Forschungsergebnissen Wittlers Neugier letztlich fokussiert, bleibt ein Rätsel. Kaum hat sie einen Schönheitssalon verlassen, wagt sie das Experiment der eigenen Zwangsmästung, um alsbald einen Journalistinnen-Kongress zu besuchen. Was sich dagegen einprägt, sind reichlich Allgemeinplätze. „Wahre Schönheit kommt von innen“, „Jede Frau ist schön (wenn sie selbst daran glaubt)“, „Die Schönheit von Frauen liegt in ihrer Stärke“ – und es gibt Männer, die Kurven mögen. Ach was. Tatjana Kerschbaumer

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