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KLASSIK

Herbsthimmelflug: Philippe Jaroussky in der Philharmonie

Größere Säle bedeuten nicht immer automatisch den größeren Erfolg. Dass der von den Philharmonikern eingeladene Philippe Jaroussky aus dem Kammermusiksaal doch noch in die Philharmonie gelotst wurde, mag ein Intendanten-Coup sein. Musikalisch bleibt er wenig hilfreich. Zwar hat der französische Countertenor den Großen Saal schon einmal bezwungen, doch da sang er Händel, den Helfergott in dramatischen Ausnahmesituationen. Nun präsentiert Jaroussky Arien für den großen Kastraten Farinelli, aus der Feder von dessen Lehrer Nicola Porpora. Dabei hat seine zarte Stimme nichts gemein mit allem, was man über die ohnmächtig machende Kunst Farinellis weiß, jenem stimmlichen Schwellen, das Dämme brechen ließ.

Jarousskys Stärke liegt in der Leichtigkeit, einem Gespür für gänzlich natürlich erscheinende Höhenflüge und dezente Schattierungen, die einen Weg zum Herzen finden. Kein Wunder, dass er zur Vorstellung seines neuen Albums darüber spekulierte, ob dies sein letztes Kastratenprogramm werden würde. Die lustvoll zupackende Simone Kermes ist sicher eine glaubwürdigere Farinelli-Interpretin als Philippe Jaroussky, dem diese athletische Musik eher fern liegt. Und so dauert es, bis in der Philharmonie der Funken überspringen will. Zunächst erfüllt die dudelnde Dauerwerbung für die Digital Concert Hall der Philharmoniker das Foyer unausweichlicher als das Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon den Saal. Doch dann breitet Jaroussky die schlanken Arme aus: „Alto Giove“. Demut in zartester Dosierung. Ein Mensch unterm weiten Herbsthimmel. Sternminuten.Ulrich Amling

ROCK

Kettensägenlärm: Pixies

in Huxley’s Neuer Welt

In geordneter Reihe marschieren die Pixies im Huxley’s auf die Bühne, die neue Bassistin Kim Shattuck vorneweg. Sie legen ein paar unordentliche Riff-Teppiche aus und stolpern drüber: Abbruch, Diskussion, noch mal von vorne: „Wave Of Mutiliation“. Und gleich „Head On“ hinterher von Jesus & Mary Chain. Das P vom Namenszug der Pixies auf David Loverings Schlagzeug sieht aus wie eine Laubsäge, aber sie klingen nicht nach filigraner Feinarbeit, sondern eher nach krachender Kettensäge. Zu brüllender Lautstärke versumpfen alle Feinheiten im klebrig dicken Soundmatsch.

Die Gruppe aus Boston, die mit ihrer betörenden Mischung aus kontrolliertem Lärm und feinen Melodien stilprägend war für unzählige Indie-Bands von Grunge bis Brit-Pop, hatte sich vor 20 Jahren aufgelöst. Das letzte Album ist 1991 erschienen. Seit der Reunion von 2004 haben sie immer wieder die alten Songs gespielt. Auch heute wieder zum überschwänglichen Jubel der alten Fans, zum ekstatischen Gehüpfe im brechend vollen Saal. Da stört es auch nicht, wenn „Debaser“ ziemlich zermatscht, wenn Joey Santiagos Quietsch-Feedback-Gitarre in „Ed Is Dead“ etwas ideenlos wirkt, wenn „Here Comes Your Man“ nicht so den richtigen Zug drauf hat, wenn in „# 13 Baby“ weite Hohlräume entstehen. Wenn Black Francis’ gefühlvoller Gesang im Gebrüll versinkt. Und nicht nur die Wände und Köpfe wackeln, sondern auch das Tempo.

In der zweiten Hälfte kommen Sound und Band besser zusammen. Und die gerade veröffentlichten vier neuen Songs der „EP 1“ versprechen einiges für die Zukunft. Nach fast zwei Stunden und einer etwas gurkeligen Version von „Where Is My Mind“ sind alle erschöpft und zufrieden. Nur der Kritiker grummelt ein wenig. Typisch. H. P. Daniels

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