KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

Tatjana Kerschbaumer

KABARETT

Düstere Prognosen:

„Endlich Visionen“ in der Distel

Früher, zu DDR-Zeiten, da war politisches Kabarett nicht in erster Linie Humor, sondern „die Gestaltung des persönlichen Lebensrisikos“. Vor einer Handvoll linientreuen, von der Partei entsandten Kritikern fanden im Kabarett-Theater Distel damals die Premieren statt.

Tatsächlich war die Abendkasse manchmal gnadenloser als das DDR-Regime. Mit solchen Sorgen hat die mittlerweile rappelvolle Distel heute weniger zu kämpfen. Stattdessen macht sich das Ensemble Gedanken um die Zukunft der Republik und verarbeitet seine Panik im aktuellen Programm „Endlich Visionen“. Denn an Visionen fehlt es in Deutschland weit und breit, kein Wunder nach acht Jahren „Merkelismus“. Nun gut, Horst Seehofer hätte vielleicht welche, doch die beschränken sich auf das Erringen der bayerischen Weltherrschaft. Und die aus der Regierung verstoßene FDP genießt in der Distel den Ruf des „Zäpfchens im Arsch der Wirtschaft“. Nichts wirklich Neues also bis hierhin – und vom früheren Risiko eher in weiter, denn in naher Entfernung. Echter Witz kommt auf beim Sketch „Das Fräulein vom Amt“, in dem ein verzweifelter Mann am Telefon auf der Suche nach seinem beigen Sonntagsstaat ist: „Am Flughafen in Malle war die Hose noch da. Mensch, das war eine Bomben-Hose!“ Falsches Vokabular.

Schon interessieren sich drei Geheimdienste für das Gespräch: „Nicht erschrecken, wir haben mitgehört. Können wir bei der Suche nach der Hose behilflich sein? Wir haben auch Röntgenbilder von ihr“. So flachst sich das Distel-Team flapsig durch den Abend. Von Visionen kann, ehrlich gesagt, nicht die Rede sein. Ein Schreckensszenario der Zukunft würde als Programmbeschreibung besser passen. Dass das Publikum trotz dieser düsteren Prognosen lacht, ist der deutschen Schicksalsergebenheit zuzurechnen: „Stimmt ja auch alles“, nuschelt ein Zuschauer in der letzten Reihe seiner Ehefrau zu. Antwort: „Nur deine Hose, wegen der haben sie noch nicht angerufen“ (bis 30. Dezember).Tatjana Kerschbaumer

KLASSIK

Übermut: Karl-Heinz Steffens

dirigiert die Berliner Philharmoniker

Ein Wiedersehen unter Freunden: KarlHeinz Steffens, bis 2007 Soloklarinettist der Berliner Philharmoniker, dirigiert erstmals seine früheren Kollegen. Der Zweitberuf-Senkrechtstarter leitet mittlerweile die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, auch an der Scala debütierte er längst. Raffinierte Idee: Bei seinem Philharmonie-Debüt versammelt er Frühwerke, verkannte oder einstmals umstrittene Kompositionen, works in progress: Beethovens dritte Leonoren-Ouvertüre, zwei 50erJahre-Stücke von Bernd Alois Zimmermann, Schuberts „Rosamunde“-Bühnenmusik und dessen dritte Sinfonie.

Steffens hat ein Faible für den Übermut, fürs Kecke, Kokette. Was bei Schubert verschmitzte Klarinetten-Tanzschritte von Andreas Ottensamer und überdeutliche Akzente zur Folge hat und bei Beethoven die hartnäckige Kontrastierung von Fahl und Forte, Amorph und Triumphal. Auf diese Weise kommt nach den utopischen, von der Freiheit kündenden Trompetensignalen allerdings kein neuer, unerhörter Ton ins Spiel. Die Fratze des Krieges malt Steffens in Zimmermanns „Sinfonie in einem Satz“ in grellen Farben aus, Solist Ludwig Quandt meistert die schwere, mit zittrigen Trillern durchsetzte Cellopartie des „Canto di speranza“ mit Emphase. Jeder Ton atmet Verlorenheit, bis zum finalen Verlöschen. Auch hier verlangt Steffens den Philharmonikern kaum mehr als profilierte Oberflächengestaltung ab (noch einmal heute, 11.10). Christiane Peitz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben