KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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KLASSIK

Meditativ: Georg Nussbaumers „Ringlandschaft mit Bierstrom“

Wie das Gold zu Beginn im Rhein, so ruht in Georg Nussbaumers „Ring des Nibelungen“-Installation Wagners Musik im Wasser: Taucht der Zuhörer das linke Ohr in eines der in der St. Johannes Evangelist-Kirche aufgestellten gelben Fässer, hört er sub aqua die Gesamtaufnahme der Tetralogie – als Unterströmung zur Soundcollage, die der österreichische Komponist Nussbaumer mit Mitgliedern des Solistenensemble Kaleidoskop kreiert hat. Die zehn Streicher bekommen, auf etwa zwei Meter hohen Rollpodesten spielend, dieselbe Aufnahme über Kopfhörer zugespielt und musizieren aus Klavierauszügen, in denen Nussbaumer die Stellen markiert hat, die meist verfremdet zu Gehör gebracht werden sollen.

Unter dem Titel „Ringlandschaft mit Bierstrom“ (noch einmal heute, 12. Oktober, 14 Uhr) unterlaufen die beteiligten Künstler die weltanschaulichen Aspekte des Dramas und packen das Riesenwerk zunächst einmal beim rein materiellen Aspekt der Dauer: Die 16 Stunden „Ring“- Musik verlaufen ohne Pause bis zwei Uhr nachts. Dabei will Nussbaumer die Klangdramaturgie Wagners nicht reproduzieren. Die eher meditative Sound- und Raumkulisse addiert elektronisch bearbeitete Fetzen aus der Partitur, durch Glissandi „abschmierende“ Leitmotive, sparsame Aktionen wie Nebelschwaden und abgeschnittene Ketchup-Flaschen und einige Fremdtexte zu einer antiillusionistischen Monumentalität eigenen Rechts. Der in diesem „Wagner- Areal“ hausende und bei Bedarf zu jeder vollen Stunde mit einer neuen Flasche Bier versorgte Zuschauer verlässt die Veranstaltung am Ende in der Stimmung einer angeregten wie angeheiterten Erschöpfung. Wieder einmal eine einzigartige, fast übermenschliche Leistung des unermüdlich innovativen und auch nach 15 Stunden noch erstaunlich tonschön und expressiv musizierenden Ensemble Kaleidoskop. Benedikt von Bernstorff

POP

Leuchtend: The Head and the Heart im Roten Salon

Um viertel nach zehn gibt es einen magnetischen Sog im brechend vollen, ausverkauften Roten Salon – hin zur Bühne. Da stehen The Head and the Heart aus Seattle – eine bärtige Gang mit verwegenen Mützen und Hüten. Und einer blonden Frau mit Violine. Sie rütteln Schüttelhölzchen, schütteln Schellenkränze und rücken gleich Schlagzeug, Bass, Akustikgitarre, Klavier und Geige, ganz groß mit „Cats and Dogs“ ins rechte Licht. Warmes rotes Salonlicht. Leuchtende Stimmen, strahlende Harmonien, geschult an den Everly Brothers, Lennon/McCartney und The Band im Basement von „Big Pink“.

Zauberhafte mehrstimmige Uuh-huuhs werden von den Fans intonationssicher mitgehuuht. „Ghosts“ durchweht der Beatles-Geist von „Martha My Dear“ als Ragtime-Piano- Motiv. Zarte Folkmelodien und kräftiger Pop-Appeal. Melodisches Fingerpicking und rhythmisches Geschraddel. Lieblicher und krähender Gesang. Krachende Polka, langsamer Walzer. Soul. Harmonische Blüten aus den Wurzeln der fünfziger und sechziger Jahre. Brillanter Sound. 2011 haben The Head and the Heart es geschafft, als völlig unbekannte Band im Vorprogramm von The Low Anthem das Publikum in der Passionskirche so zu begeistern, in dem nach heftig ertobtem Encore alle eine Platte haben wollten. Doch die war damals noch nicht mal erschienen. Heute sei das ihr erstes Berlin-Konzert als Headliner, verkünden sie stolz. Und dass demnächst ihr zweites Album erscheint: „Let’s Be Still“. Im Konzert hören sich die neuen wie die alten Songs umwerfend an. Nach anderthalb wohldosierten Stunden klingt die Violine in „Down In The Valley“ wie eine Bach-Trompete. Strahlend. H. P. Daniels

KLASSIK

Hypernervös: „Püppi. Die Krönung“ an der Neuköllner Oper

Jüngst haben Regisseur Hendrik Müller und Autor Kriss Rudolph Jacques Offenbachs „Pariser Leben“ erfolgreich in die Berliner Gegenwart geholt – als „Berliner Leben“. Ein Abend mit Witz und Esprit. Es spricht für die beiden, dass sie sich nach der „Csárdásfürstin“ in Schwerin jetzt nicht wieder einer Operette widmen, sondern Monteverdis „Krönung der Poppea“. Dennoch wird „Püppi. Die Krönung“ an der Neuköllner Oper ein Reinfall. Nero (Clemens Gnad) gockelt als leicht reizbarer Kaiser über die mit Überwachungsmonitoren bewehrte Bühne und schwätzt wahlweise Bayerisch, Wienerisch oder Kölsch. Dialekte – das billigste Mittel, um Lacher zu provozieren. Tobias Hagge ist ein hypernervöser Seneca mit rollenden Augen und schmierigem Haar. Karikaturen, deren Sinn schnell klar wird und die dann nur noch nerven. Der Abend (wieder 17., 23., 24., 30. und 31. 10) tut dem Original am laufenden Band Gewalt an, ohne dass klar würde, warum.

Statt Poppea muss ein armer echter Hund im Tütü als Püppi über die Bühne hecheln. Furchtbar. Arnalta (Sarah Berendt), eigentlich die Amme, soll den Hund singen – warum, mag man sich irgendwann nicht mehr fragen. Auch nicht, weshalb Ottavia (Anna Warnecke) nicht Neros Gattin ist, sondern seine Schwester. Und auch nicht, warum ausgerechnet Monteverdis Stück herhalten muss, um zu illustrieren, dass in diktatorischen und homophoben Ländern (Russland lässt grüßen) nur noch Tiere der Liebe wert sind. Das Publikum ist spürbar irritiert, weil es kaum was zu lachen gibt. Schenkelklopfer sind natürlich keine zwingende Voraussetzung für gutes Theater. Aber die Neuköllner Oper hat sich in den letzten Jahren so sehr in die Humor-Ecke (die auch eine Falle ist) manövriert, das nur Ratlosigkeit bleibt, wenn Witze nicht zünden. Immerhin zeigt die Band ?Schmaltz!, dass Monteverdis Musik auch mit Banjo und Akkordeon funktionieren kann. Udo Badelt

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