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KLASSIK

Fusion: Zeitgenössische Oper Berlin in der Parochialkirche

Die wilden Faustschläge kommen dem Cello gefährlich nah, doch Zoé Cartier zuckt nicht einmal mit der Wimper. Zu Recht, denn ebenso wie sie versteht auch der Shaolin-Kung-Fu-Meister Jie Rui Zhang sein Handwerk. Auf eine ebenso ästhetische wie unorthodoxe Art verkörpern die beiden die Anekdote über die Inspiration zu Ligetis Sonate für Solocello, die aus heftigem, aber unerhörtem Liebeswerben entstanden sein soll.

Die Szene gehört zu den besten Momenten von „Sphenoid“ (wieder: 13., 16., 17., 18. und 20. 10., 20 Uhr), der jüngsten Produktion der Zeitgenössischen Oper Berlin. Der Titel des „Hör- und Sehstücks“ ist der medizinische Begriff für das Keilbein: ein Knochen im Hirnschädel, der die Bereiche von Ohr und Auge verbindet. Das von Andreas Rocholl inszenierte Projekt bringt im poetischen Halbdunkel der unverputzten Parochialkirche sogar noch mehr Sphären zusammen: Meditation und Performance, fernöstliche und europäische Kultur, Improvisation und Komposition, Neue Musik, Renaissance, Pop und Klezmer, Klang und Tanz. Tiefere Verbindungen entstehen jedoch nur in wenigen, zu kurzen Momenten: Es ist hübsch zu sehen, wie Arno Waschk die auf seinen Flügel hingestreckte Tänzerin Bettina Thiel mit einer Klavierimprovisation in Bewegung versetzt. Oder wie eine weitere Schöne keck an den Reglern des E-Gitarristen Jobst Liebrecht spielt. Doch all die dramatische Spannung dieser Anfangsmomente wird zu wenig genutzt – und erst recht nicht überzeugend zur nächsten Nummer, Personenkonstellation und Musikfarbe weitergeleitet. Auch wenn es die Keilbeine des Publikums unterfordert hätte: Bei reinen Soloperformances auf ihren spezialisierten Gebieten hätten die Künstler noch größere Spannungsbögen erzeugt. Carsten Niemann

THEATER

Furor: „Sex and Crime im Reim“

im Theater im Palais

Mehr kann man nicht verlangen. In den deutschen Balladen von Goethe bis Brecht und Wedekind tobt das Leben. Helden stürzen sich ins Abenteuer, geheimnisvolle Mächte steuern Schicksale, Liebe blüht auf und vergeht, Freundschaften werden geschlossen und verfallen. Der Tod hält reiche Ernte, finstere Gestalten unterliegen fürchterlicher Rache, und ein altes Gespenst muss sich gar auf Arbeitssuche begeben. Sehr ernst kann es zugehen, und sehr gefühlvoll. Aber auch Hohn, Spott und blanker Spaß stecken in den Dichtungen, die zumindest in einigen Wendungen lebendig geblieben sind bis in unsere Zeit.

Im Theater im Palais gehen die Schauspieler Heike Jonca, Jens-Uwe Bogadtke und Carl Martin Spengler, begleitet von der Pianistin Ute Falkenau, mit „Sex and Crime im Reim“ auf Entdeckungsreise durch diese reiche Landschaft deutscher Dichtung (wieder am heutigen Sonntag, 16 Uhr). In einem bescheidenen Bühnenraum, ohne jede optische Ablenkung und Aufladung, machen sie sich zum achtungsvollen Diener der unermesslich reichen Abenteuer. Es gelingt ihnen dabei das ganz Besondere: Sie spielen nicht das Bekannte oder Vergessene, das Sprichwörtliche oder ganz neu zu Erfahrende vor, sie holen es aus sich heraus, als begegneten sie jedem Vers zum ersten Mal. Vortrag und Spiel, Rezitation und Gesang wechseln einander ab, und die Umschwünge, die Abstürze des Gefühls meistern sie behende, sich ins Wort fallend, die unerhörten Geschichten zerteilend und wieder zusammensetzend, Spiele erfindend, Spiele von Kindern und von Erwachsenen.

Ein Mäuslein entkommt und wird vielfach gestreichelt, die Konstruktion des Homo sapiens darf deftig und höhnisch nachvollzogen werden, und die fleißige Schar der Heinzelmännchen, aus einer Truhe entlassen, trappelt scheinbar zu Hunderten über die Bühne. Aber was auch anTurbulentem geschieht, es sind ja immer nur die drei erzählenden, spielenden, singenden Darsteller für die Weltenschöpfungen der Balladen da, unterstützt von der Pianistin – mit Kraft, mit Zartheit, mit Ironie. Man merkt, dass sich die Truppe den Abend selbst zusammengestellt und auf die Bühne gebracht hat, jeder Ton stimmt, es gibt ein zauberhaftes Verständnis untereinander. Zum ersten Mal im bewährten Ensemble des Theaters ist Heike Jonca dabei, mit einer unbändigen Spiellust und Verwandlungsbereitschaft. Vom trauten Mägdlein bis zur Furie beherrscht sie alles. Christoph Funke

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