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KLASSIK

Verflüssigungen: Martin Stadtfeld

fusioniert Bach mit Chopin

Auch mit dem Wissen, dass Martin Stadtfeld eine ausgeprägte musikpädagogische Ader besitzt, kann man sich ihn eigentlich nur als einsamen Menschen vorstellen. Wenn er sich – wie einst Glenn Gould auf niedrigem Hocker – in den unendlichen Weiten des zyklischen Klavierspiels verliert, meint man, einen scheuen Alleingänger beim Selbstgespräch zu belauschen.

Das Leben ist ein langer, unruhiger Fluss, mit flirrenden Arpeggien, perlendem Anschlag, fliegenden Händen. Stadtfeld verflüssigt Bach und Chopin, auch deshalb gebraucht er unentwegt das Pedal. Bloß keine Lücken zwischen den Tönen – weiter, immer weiter, trudelnd, kreiselnd, wirbelnd. Über diesen Abend im Kammermusiksaal müsste man in einem einzigen mäandernden Satz schreiben können.

Vor zehn Jahren mit Bachs Goldbergvariationen zum Star avanciert, liebt Stadtfeld es nach wie vor, Bach zu romantisieren. In den Préludes der Englischen Suiten a- und g-Moll schält er zwar den mechanischen Kern des Sentiments heraus, verwischt Bachs kontrapunktische Linien dann jedoch zur breiten Fläche, in mal passionierter, mal träumerisch weichzeichnender Herzschmerzmanier. In seinem selbst gefertigten, mit passgenauer Tonartenfolge montierten Zyklus aus sieben Präludien des „Wohltemperierten Klaviers“ und allen zwölf Etüden von Chopins op.10 webt der 32-Jährige nach der Pause allerdings an einem luziden Klangteppich, der nicht nur verrät, wie sehr er Bach schon immer im Geiste Chopins interpretierte, sondern der seinen unaufhörlichen Monolog obendrein ins Delirium steigert. In heitere, schwerelose, selbst- und weltvergessene Sphären, ein Universum voller Kleinode mit virtuos eingeflochtenem Zierrat, dessen Funkeln einen fast vergessen lässt, dass Musik ja viel mehr ist als die schönste Nebensache der Welt.Christiane Peitz

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Nur für Erwachsene: Wieprecht und das RSB in der Kulturbrauerei

Ahnungslosigkeit kann ja charmant wirken. Vor allem, wenn sie so virtuos zur Schau gestellt wird wie von Volker Wieprecht. Der Radio-Eins-Moderator und Pop-Profi hat sich auf ein Experiment eingelassen: Im Kesselhaus der Kulturbrauerei moderiert er eine neue Konzertreihe des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin. Das heißt: Er führt nicht in die Werke ein, sondern eher zu ihnen hin, durch seine neugierig-naiven Fragen. Und weil der gerade mit dem Deutschen Radiopreis Gekrönte einfach großartig reden kann, spontan, locker, reaktionsschnell, weil auch die RSB-Instrumentalisten um keine Antwort verlegen sind, wird es ein heiterer Geselligkeitsabend.

Wie die meisten Laien, hat auch Wieprecht völlig falsche Vorstellungen vom Klassiker-Leben. Zum Beispiel, was den Tonkonservenkonsum betrifft. Sie hätten doch sicher die neuesten High-End-Abspielgeräte, mutmaßt er, und fragt sogar keck nach dem Preis der heimischen Stereoanlagen. Dabei lieben Vollzeitmusiker zu Hause vor allem die Stille. Und wenn sie exzellente Interpretationen hören wollen, erledigen sie das selber. So wie am Donnerstag Andreas Neufeld, Juliane Manyak, Andreas Willwohl, Hans-Jakob Eschenburg und Tatjana Podyomova.

Ernst durchschreiten sie die düsteren Klangräume von Dmitri Schostakowitschs g-Moll-Klavierquintett, mit berührender Intensität. In den lyrischen Sätzen von Borodins 2. Streichquartett wiederum machen sie tatsächlich jene Liebeserklärung des Komponisten an seine Frau hörbar, von der Wieprecht bei Wikipedia gelesen hatte. Und als der Moderator auch noch für den quirligen Finalsatz eine tonmalerische Erklärung haben möchte, pariert Juliane Manyak lässig: „Jetzt haben sie eben Kinder bekommen!“ (Die nächste „Klassik im Kessel“ findet am 5. Dezember statt). Frederik Hanssen

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