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Exotisch. Ceylon-Aufnahme von ca. 1880.
Exotisch. Ceylon-Aufnahme von ca. 1880.

POP

Freundlicher Knallpop: 

Kakkmaddafakka im Astra

Die norwegische Band Kakkmaddafakka, die manche Leser von ihren vor allem in Neuköllner Studentenkreisen weit verbreiteten Umhängebeuteln kennen mögen, sind die freundlichste Band der Welt: Weil ihr Konzert ursprünglich in der Columbiahalle stattfinden sollte, dann aber ins etwas kleinere Astra Kulturhaus verlegt wurde, schickten sie kurzerhand noch einen Shuttle hoch nach Tempelhof, der dort all jene aufsammelte, die den Wechsel des Auftrittsortes irgendwie verbummelt hatten. 28 Leute waren es, und weil der Bus einmal kurz im Stau stand, begann das Kakkmaddafakka-Konzert mit zehn Minuten Verspätung.

Die kümmern sich also. Und die Fans kümmern sich zurück. Den acht Herren – darunter zwei, die ausschließlich für die Publikumsbespaßung zuständig sind, der sogenannte Kakkmaddachoir – schlägt von der ersten Sekunde an große Begeisterung entgegen. Diese Band weiß aber auch, wie man ein Publikum abholt: ein paar schmierige Witze von Frontmann Axel Vindenes. Keyboarder Jonas Nielsen, der irgendwann sein Shirt auszieht und zur Bandana umfunktioniert. Handclaps, klar. Dazu Songs, in denen es darum geht, dass man doch lieber ein „Gangsta“ wäre als ein bleichgesichtiger Jüngling aus Bergen; oder in denen zentrale Fragen wie „Is She Old Enough For Me?“ durchdiskutiert werden.

„Aber sowas von!“, denkt sich da das vornehmlich weibliche und vornehmlich recht junge Publikum in den ersten Reihen des Astras und tanzt zu den Songs, die eine ganz interessante musikalische Grundierung haben. Sie klingen mal nach der leider in Vergessenheit geratenen Siebziger-Jahre-Kallpopgruppe Sailor („Girls, Girls, Girls“), mal nach dem frühen Elton John und mal nach einer doch etwas einfältigeren Variante der französischen Band Phoenix. Wirklich ernst nehmen sollte man all das nicht – aber wer Musik stets ernst nimmt, war an diesem Samstagabend vermutlich ohnehin bei Peter Gabriel. Jochen Overbeck

KUNST

Tropische Lokalkolorit:

Frühe Fotografien aus Ceylon

Von Ceylon, dem heutigen Sri Lanka, schwärmten sogar Personen, die nie dort gewesen waren. Karl May zum Beispiel. Seitenlang beschrieb er Berglandschaften, Teeplantagen und gigantische Wasserfälle – die er alle nur von Ansichtskarten kannte. Es waren diese Fotografien, die im Europa der Jahrhundertwende das Bild Ceylons als wildromantisches Arkadien prägten. Im Museum für Asiatische Kunst (Lansstr. 8, bis 5. Januar) sind sie derzeit unter dem Titel „Landscapes of Sri Lanka - Frühe Fotografie in Ceylon“ zu sehen.

Das Fotografieren der Landschaft sowie der Arbeitsbedingungen war in erster Linie im Interesse der britischen Kolonialherren. Sie wollten den Fortschritt dokumentieren, den sie nach Ceylon brachten; und so sind neben einfachen Bauern Gutsbesitzer in ihren Pavillons zu sehen, gerodete Wälder, erste Eisenbahnlinien. Die Fotografen, die damals im Land arbeiteten – unter ihnen William Skeen, Charles Thomas Scowen, aber auch der gebürtige Hamburger Alfred William Amandus Plate – schlossen mit ihren Aufnahmen aber auch bald eine Marktlücke. Die Exotik Ceylons wurde zum seltenen, begehrten Postkartenmotiv der europäischen Oberschicht. Auch deshalb sind die Fotos bis heute gut erhalten, teils in mehreren Ausführungen.

Denn um die Vorstellungen der Europäer nicht zu enttäuschen, griffen die Fotografen schon 1870 in die Trickkiste. Scowen verwendete für sein Bild „Reisfelder“ zwei Negative, die er übereinander legte – damit der Himmel wolkenverhangen und somit besonders tropisch wirkte. Auch Flora und Fauna waren beliebte Motive; Europa sehnte sich nach dem Dschungel, dem tropischen Lokalkolorit. Dass dieses im Zuge der Kolonialisierung immer mehr verloren gehen würde, ist auf den Bildern schon zu erahnen.

Profitiert haben damals – neben den Kolonialherren – vor allem die Fotografen. Sie konnten sich in den Jahren des Ceylon-Booms große Studios leisten. Teils sind sie sogar selbst zu sehen: neben leicht verwunderten Einheimischen, die ihre Kameras mit Ochsengespannen durchs Land transportierten. Tatjana Kerschbaumer

KLASSIK

Überraschungsreich: Nikolaj Znaider und Jan Vogler im Konzerthaus

Es gibt an diesem ausverkauften Abend im Konzerthaus schöne und weniger schöne Überraschungen. Zu den schönen Überraschungen zählt zweifelsohne, dass der diesjährige artist in residence, der 1975 in Kopenhagen geborene Geiger Nikolaj Znaider, als Dirigent vorstellig wird und seine Sache gut macht. Ein Baum von Mann, steht Nikolaj Znaider sehr gerade am Pult und sehr unverbraucht, nichts an ihm erinnert an die Abgebrühteit und die innere Müdigkeit der Hauptamtlichen. Gut, er könnte vernehmlicher atmen, zumal für die Holzbläser, die in Brahms’ vierter Symphonie große, berührende Soloauftritte haben, aber dieser Vorschlag zielt wohl ins Leere, schließlich muss man ein Profi-Ensemble nicht wie ein Schülerorchester durch die Phrasierungen tragen.

Unterdessen gefallen die vielen fein ziselierten Melodiebögen, zum Beispiel im ersten Satz der Haydn-Sinfonie „Das Wunder“, während die stärkeren Passagen für das ganze Orchester wie im Finale der Vierten gerne auch bloß laut werden, von der Begeisterung und Rauschfähigkeit dessen künden, der die Violine kurz zur Seite gelegt hat, um auf einem Rieseninstrument zu spielen.

Zu den weniger schönen Überraschungen zählt, dass der Solist des Abends, Jan Vogler, der als Intendant der Dresdner Musikfestspiele zuletzt große Erfolge feiern konnte, sich nicht mit Ruhm bekleckert. Zumindest hat sich Jan Vogler an einigen Ausschnitten von Haydns Konzert D-Dur für Violoncello und Orchester im Vorhinein wohl nicht überübt. Auch dieser Programmpunkt gelingt natürlich, aber doch bleibt der Eindruck von Unruhe und Mühe, von einer Kadenz mit zahllosen unsauberen Stellen und einer insgesamt prekären Situation für das Soloinstrument. Christiane Tewinkel

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