KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

von

KUNST

Schön bunt: Christine Streuli

im Haus am Waldsee

Wenn der Besucher das Haus am Waldsee betritt, sieht er sich einer Tapete gegenüber, die Christine Streuli mit ihren eigenen Tafelbildern hat bedrucken lassen. Und weil die Künstlerin allen Rahmen einen zarten Schatten verpasst hat, tappt man kurz in die Trompe-l’œil-Falle, denkt: Die hängen da wirklich an der Wand. Doch alles ist eine Fläche. Die 1975 in Bern geborene Schweizerin widmet sich als Malerin zwar dem zweidimensionalen Genre, schafft es aber doch, immer wieder mit Tiefen und Raumwirkungen zu spielen (Argentinische Allee 30, bis 5. 1. 2014, Di - So 11 - 18 Uhr).

Auf Christine Streulis Bildern wischen dynamische Linien herum, wuchern Schlingpflanzen, vibrieren Muster, die sie ganz offensichtlich von Textildrucken abgeguckt hat. Daraus ergeben sich Überschneidungen, die vor dem Auge verschwimmen. Schicht um Schicht baut die Künstlerin ihre knalligen Collagen auf, bemalt auch die Seiten der Rahmen oder die Wand dahinter. Ihr Bildmaterial fand die Schweizerin früher in der Werbung und auch in der Kunstgeschichte. Inzwischen ist Streuli jedoch dazu übergegangen, sich selbst zu zitieren. Dieses „Nonstoppainting“, wie die Ausstellung heißt, lässt sich als Allegorie auf die heutige Zeit und Bilderflut lesen. Streuli selber sagt, sie quetsche die Welt aus wie eine Orange.

Die Frucht findet sich in ihren Bildern aber auch als Wandmalerei. Fein säuberlich hat Streuli sie Reih um Reih aufgesprüht, abwechselnd mit Saftgläsern. Die Künstlerin passt zum Haus am Waldsee – denn dessen Leiterin Katja Blomberg hat keine Scheu vor Dekorativem, wenn das sorgsam Handwerkliche überzeugt.

Selten nimmt Streuli einen Pinsel in die Hand. Sie setzt ihre Ornamente, Kaugummi-Formen, Kirschen, Regenbogenblüten, Häschen und Hirsche mit Schablonen, Spraydosen oder verschiedenen Abdrucktechniken auf das Bild. Eines der vielen extra für das Haus am Waldsee konzipierten Tapetenmuster, auf denen ihre Bilder explodieren können, harmoniert mit seinem weinroten Ton ganz wundervoll mit dem herbstlich gefärbten Laub, das draußen an der Fassade die großen Fenster umrankt.

Verführen will die Künstlerin – und appetitlich sieht tatsächlich alles auf ihren spannungsreichen, durchdachten Kompositionen aus. Streulis Kunst macht Spaß. Und doch mag man sich der Reizüberflutung nicht ganz hingeben, sträubt sich etwas beim Betrachten. Von bunten Verpackungen und Werbeplakaten lässt man sich ja auch nur ungern manipulieren. Anna Pataczek

KLASSIK

Schön laut: Marin Alsop dirigiert

das Orquestra de S
ão Paulo

Mit dem Orquestra Sinfônica do Estado de São Paulo stellt sich ein südamerikanisches Spitzenensemble in der Philharmonie vor. Auch wenn in Beethovens 4. Klavierkonzert und Prokofjews 5. Sinfonie der Klang etwas zum Monochromen tendiert und sich in den Soli nur selten eine wirklich individuelle Stimme vernehmen lässt, beeindrucken rhythmische Genauigkeit und blitzsaubere Intonation. Dass hier präzise Arbeit geleistet wird, hört man nicht nur, es lässt sich auch jederzeit an der Zeichengebung der Amerikanerin Marin Alsop erkennen, die seit 2012 Chefdirigentin des Orchesters ist.

Alsops Gestik ist expressiv und gleichzeitig einen Tick zu kontrolliert, ein eigentümlicher Fall von immer wieder ausgebremster Emphase. Lyrische Episoden schwingen nicht aus, weil sofort der nächste Abschnitt vorbereitet sein will. Manchmal macht das großen Effekt, etwa wenn sich im Prokofjew-Finale die Ereignisse überschlagen und die Musik am Ende in den Schlussakkord läuft wie in ein offenes Messer. Im ersten Satz dagegen weiß man vor lauter Kulminationspunkten oft nicht, was da eigentlich jeweils gerade kulminieren soll. Da die Kraftentfaltung in den lauten Passagen beträchtlich ist, ein echtes Pianissimo aber kaum zustande kommt, lässt sich der langsame Satz des Klavierkonzerts als echtes Drama erleben. Dem massiven Klang des Kollektivs tritt hier beredsam der wunderzarte Anschlag des Pianisten Nelson Freire entgegen. Benedikt von Bernstorff

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben