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POP

Von der Messe auf die Party: Goldfrapp im Heimathafen Neukölln

Auf dem Cover des Goldfrapp-Debütalbums „Felt Mountain“ posierte Sängerin Alison Goldfrapp vor 13 Jahren im Marlene-Dietrich-Look. Im ausverkauften Heimathafen Neukölln ist es nun wieder so weit: Die Sängerin des britischen Duos schlendert auf die Bühne, dunkler Lidschatten, blonder Lockenkopf, schwarzes Kleid mit eckigen Schulterpolstern. Nicht nur optisch, auch musikalisch kehrt die Band zum cineastischen Sphären-Pop ihres Erstlings zurück: Das aktuelle Album „Tales Of Us“, welches die erste Hälfte des Konzerts dominiert, atmet deutlich die Luft von „Felt Mountain“.

Mit dem ersten Ton füllt Goldfrapps Stimme den Saal komplett aus, das Publikum ist in andächtigem Genuss versunken. Als würde mit jedem Song der Abspann eines dreistündigen Hollywood- Epos über die imaginäre Leinwand flimmern, flüstert, säuselt und jauchzt Alison Goldfrapp sich durch ihre Fantasiewelten, die Augen stets geschlossen, ein Griff ins Haar, den Kopf weggedreht – die vollendete Diva. Ihre Kommunikation mit der begeisterten Menge ist spärlich, Höhepunkt bleibt ein „Cheers!“ mit einem Glas Wasser.

Ab der Mitte des Konzerts schaltet die sechsköpfige Band inklusive Violinistin und Kontrabassist langsam von „Messe“ auf „Dancefloor“ um, und die zuvor in Weiß gehaltene Lightshow beginnt in allen Regenbogenfarben zu schillern: Dankbar feiert das Publikum stampfende Hits wie „Ride A White Horse“ oder „Ooh La La“ ab, doch auch als Electro-Dance- Queen bleibt Goldfrapp stimmlich auf einer entrückten Ebene, so das man das Gefühl hat, einer Art Soul-Techno zu lauschen. Die Kluft zwischen Sängerin und Fans wird nie geschlossen, streckenweise scheint Goldfrapp mehr für sich selbst als für irgendjemand anderen zu singen. Fast möchte man ihr zurufen: „Feier doch einfach mit!“, doch die Sängerin bleibt distanziert, eine Unberührbare, die ihre zerbrechliche Kunst von einem gläsernen Sockel aus darbietet. Die meisten Gäste sind genau deswegen gekommen: Um eine Pop-Göttin anzubeten. Sie wurden selig. Erik Wenk

KLASSIK

Von Liszt zu Ravel: Marc-André Hamelin im Kammermusiksaal

An den Anfang seines Klavierabends im Kammermusiksaal stellt Marc-André Hamelin seine eigene „Barcarolle“ – drei glitzernde, in die gelenkigen Finger geschriebene Stückchen, die eher anmutig als tiefschürfend den Klangraum des folgenden Programms ausloten. Liszt, Janácek und Ravel erscheinen so auf einer Achse der delikaten Farbvaleurs verbunden, die man bei den unterschiedlichen Sprachen dieser Tonsetzer nicht unbedingt vermuten würde.

Dabei punktet der kanadische Pianist, der seinen Ruhm der Bewältigung irrwitzigster virtuoser Herausforderungen vom Schlage eines Charles Valentin Alkan oder Kaikhosru Sorabji verdankt, gar nicht mal mit seiner geschliffenen, geschmeidigen, beängstigend mühelosen Technik. Ganz selbstverständlich ebnet sie den Weg zur Klangpoesie, ja zur Klangspiritualität, den der 52-Jährige zunehmend beschreitet. Liszts großartige h-Moll-Sonate besticht zwar auch durch gemeißelte Oktavkaskaden oder das teuflische, gestochen scharf gebotene Fugato. Doch wirklich fesseln und berühren die glockenartig weichen Tonrepetitionen des Seitenthemas, die ätherischen Überleitungen zum Andante-Teil und seine unendliche meditative Spannung. Dramatische Kontraste, in äußerster architektonische Klarheit, entstehen so fast von selbst. Und natürlich schillern die Triller und Arpeggien der „Ondine“ aus Ravels „Gaspard de la nuit“ in tausendfachen Prismen, erhält der böse Gnom „Scarbo“ im fast unspielbaren dritten Stück skurrile Leichtigkeit. „Le Gibet“ (Der Galgen) aber schnürt mit seinem gnadenlosen Ostinato, dem herbe Melodik entgegensteht, die Kehle zu, schlägt damit einen überraschender Bogen zu Janáceks Zyklus „Auf verwachsenem Pfade“. In sieben ausgewählten Miniaturen erzählt Hamelin von dörflichen Szenen, unschuldigen Kinderspielen und plötzlichem Schmerz – der Komponist gedenkt hier seiner jung verstorbenen Tochter. „In Tränen“ wird zur Kostbarkeit in lieblich erstarrtem Dur, die an Schuberts untröstliche Melancholie gemahnt. All dem gilt ein Publikumsjubel, den nur ein typischer Hamelin besänftigen kann: Chopins „Minutenwalzer“, der durch trickreich hinzugefügte Dissonanzketten plötzlich zum „Sekundenwalzer“ wird.

Isabel Herzfeld

FILM

Vom Dorf nach West-Berlin: 

„Sputnik“ von Markus Dietrich

Die Mauer fiel nicht, wie oft behauptet, wegen des legendären Versprechers von Günter Schabowski. Vielmehr öffnete ein fehlgeleiteter Beam-Strahl die Grenze, den drei angehende Kosmonauten aus einem DDR-Dorf nach West-Berlin schickten. Da mögen die Geschichtsbücher noch so oft anderes behaupten: Markus Dietrichs Spielfilmdebüt „Sputnik“ zeigt, wie es wirklich war – in Form einer liebenswerten Kindergeschichte.

Es ist Herbst 1989 in Malkow, einem kleinen Ort im Herzen der DDR. Etliche Genossen haben heimlich „rübergemacht“, die übrigen Dorfbewohner verfolgen die Proteste im Westfernsehen. An ein Ende des Sozialismus denkt aber niemand, erst recht nicht die zehnjährige Rieke (Flora Li Thiemann), die die erste Kosmonautin der DDR werden will. Unterstützt wird ihr Plan von den Freunden Fabian und Jonathan und von Onkel Mike. Mike, der früher selbst ins All fliegen wollte, ist „Käptn“ der verschworenen Truppe. Gemeinsam bastelt das Quartett unter anderem an einem Sputnik, ähnlich dem Satelliten, den die Sowjetunion 1957 in den Weltraum geschossen hatte.

Doch dann genehmigt die DDR Mikes Ausreiseantrag, er muss das Land sofort verlassen. Rieke übernimmt die Führung und beschließt, Mike in die DDR zurückzubringen. Weil dieser Plan wegen der Mauer zu scheitern droht, soll Technik aus der Sci-Fi-Serie „Raumschiff Interspace“ helfen und Mike per Beam-Strahl nach Malkow holen. Dass das Experiment auf den 9. November fällt und der Beam-Strahl die ganze Grenze öffnet, geht voll in Ordnung.

Ja, so könnte es gelaufen sein: In „Sputnik“ passt alles, Riekes freches Mundwerk ebenso wie die Gemeinheiten von Volkspolizist Mauder (Devid Striesow). Die ostdeutsche Provinz sieht hier besonders piefig aus, dafür regiert bei den Figuren einige Bandbreite: vom regimetreuen Normalo bis zum DDR-Dealer, der heimlich mit Auspufftöpfen handelt. Die beste Rolle spielt allerdings Erich. Nicht Honecker. Sondern das örtliche Rassekaninchen. Tatjana Kerschbaumer

In 14 Berliner Kinos

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