KURZ  &  KRITISCH : KURZ  &  KRITISCH

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Foto: Anja Frers / DG
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KLASSIK

Beglückend: Piotr Beczala singt Oper und Operette im Konzerthaus

Mit Monokel und Zylinder posiert der polnische Tenor Piotr Beczala für seine Hommage an den großen Kollegen Richard Tauber. Glücklicherweise hat er sich nur die Kunst des erotisch aufgeladenen Rubato abgeschaut und nicht dessen charmante Mogeltechnik, um die unzureichende Höhe zu verblenden. So etwas hat Beczala nicht nötig – im Konzerthaus lässt er am Sonntag ganz einfach sängerische Perfektion hören. Dabei setzt er in seinem Potpourri-Programm nicht auf die simplen Effektstücke, sondern fasziniert beispielsweise in der heiklen Liebesszene des „Rusalka“-Prinzen zwischen melancholischem Selbstzweifel und emotionalem Überschwang, wechselt als „Maskenball“-Riccardo so geschmeidig die Register, als könne er gar nicht verstehen, wo denn da ein Problem sein soll.

Da mögen die Blechbläser des Tschechischen Nationalen Symphonieorchesters noch so laut auftrumpfen, Piotr Beczala kann sich dank seiner überragenden Gesangstechnik immer mühelos durchsetzen ohne zu brüllen. Der Dirigent Lukasz Borowicz dreht in den wunschkonzerttauglichen Verbindungsstücken mächtig auf und dem Zuhörer wird in den Orchester-Bravourstücken schon einiges an Unschärfetoleranz abverlangt. Aber die Richtung stimmt und Piotr Beczala hat die Nervenstärke, jeden Wackler im Orchester souverän zu ignorieren. Mit stilsicherer Lässigkeit präsentiert er im zweiten Teil die Operettenschlager von Lehár und Kálmán als rückhaltlosen Genuss der verführerischsten aller Stimmlagen. Das erotische Versprechen der eleganten Spitzentöne, der sinnliche Kitzel geschickter Phrasierung, verbunden mit spürbarem Spaß am Gesang bieten jedem Stimmfetischisten tiefste Befriedigung. Uwe Friedrich

KLASSIK

Einträchtig: Harfenklang und Wort

im Philharmonischen Salon

Wenn sich der Kammermusiksaal in einen romantischen Salon verwandelt, mit Requisiten, Teppich und Sesseln von der Firma Nowak improvisatorisch möbliert, erklingen musikalische Raritäten. Denn die Besetzungen und Stücke, die Götz Teutsch mit seinem Philharmonischen Salon aufbietet, kommen sonst im öffentlichen Konzertleben kaum vor. Diesmal war man „zu Gast bei“ Rahel Varnhagen zunächst noch Rahel Levin, dem Berliner jüdischen Mädchen, in der Jägerstraße, wo Tieck, Schlegel, Humboldts und nicht zuletzt Prinz Louis Ferdinand (1772– 1806) verkehrten, ein beachtlicher Pianist. So zieht sich ein Klavierquartett des Prinzen, anmutiges Schweifen mit Dramatik, wie ein roter Faden durch das Programm (noch einmal 3.11. um 16 Uhr).

Als beliebte Veranstaltung der Berliner Philharmoniker profitiert die Reihe davon, dass viele Orchestermusiker gern in ihr mitmachen. Deren Devise heißt nämlich: jeder Philharmoniker ein Solist. Die drei, die sich mit der kammermusikalisch fühlenden Cordelia Höfer im Klavierquartett Opus 6 zusammentun, gehören den Gruppen der Violinen, Bratschen und Celli an: die Schwestern Cornelia und Julia Gartemann und Stefan Koncz. Und es zeigt sich, dass alle über feinen Ton und individuelle musikalische Vorstellungskraft verfügen.

Dagmar Manzel übernimmt in Wortdokumenten die Rolle der „Selbstdenkerin“ Rahel, Robert Gallinowski die ihres Mannes Karl August Varnhagen von Ense und anderer Zeitgenossen der seit früher Jugend glühenden Goethe-Verehrerin.

Musikalischer Stern ist die philharmonische Harfenistin Marie-Pierre Langlamet. Nicht nur in einem imitationsreichen Trio von Louis Spohr, der mit einer Harfenistin verheiratet war, sondern vor allem in einem Duo für Harfe und Klavier von Woelfl. Für die Renaissance des österreichischen Komponisten sorgt jüngst eine Internationale Joseph-Woelfl-Gesellschaft in Wien. Die Musik ist eine beredte Entdeckung, zumal in der Eintracht der Musikerinnen Langlamet und Höfer. Mehr Harfe war nie als in diesen Sätzen, melodieführend, „gearbeitet“ und glänzend interpretiert. Sybill Mahlke

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