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TANZ

Choreografien des Widerstands: Christoph Winkler im Ballhaus Ost

Im Juni streikten die Balletttänzer in Kairo. Um sich gegen die Politik der Muslimbrüder aufzulehnen, tanzten sie vor dem Kulturministerium, angefeuert von einer begeisterten Menge. In „Das Wahre Gesicht – Dance Is Not Enough“ von Christoph Winkler (noch einmal heute, Sonntag, Ballhaus Ost, 20 Uhr) streiten die vier Performer anfangs darüber, ob das nun ein angemessener Protest war – oder doch nur eine Straßenparty. Ästhetische und politische Argumente durchkreuzen sich hier auf amüsante Weise.

Der aus Burkina Faso stammende Ahmed Soura demonstriert dann gleich mal, wie die Frauen in Südafrika sich gegen Gewalt wehren. Sie gehen zu Hunderten nackt auf die Straße und vollführen einen wütenden Tanz, der den männlichen Aggressor in Angst und Schrecken versetzt. Wenn die vier Männer nun versuchen, sich diese weibliche Form des Widerstands anzueignen, machen sie natürlich eine lächerliche Figur. Zum Schreien komisch ist es auch, wenn sie die aufreizenden Tänze der radikalen Cheerleader – die gibt’s wirklich – nachahmen und mit Pompoms wedeln. „Putin Go Homo“ steht auf einem der Plakate oder „Eat the Rich“. Dazu erklingen Protestsongs wie „Get Up Stand Up“ von Bob Marley oder „The Times They Are a-Changin“ von Bob Dylan. Tolle Songs, aber die Tänzer zeigen auch, wie schnell man in Protestfolklore abgleitet und stellen die Frage: Darf man die Band U2 mögen? Vergnüglich ist auch der antikapitalistische Bühnen-Comic zu einer Bush-Rede.

„Das Wahre Gesicht“ ist ein ebenso lustiger wie intelligenter Abend, auch wenn er gegen Ende etwas durchhängt. Winkler mokiert sich darüber, dass so viele Künstler auf den Protestzug aufspringen. Ein rebellisches Image, so zeigt er, lässt sich heute prima vermarkten. Das beste Argument des Choreografen sind die tollen Tänzer. Die sind nicht nur eine gewitzte Spaßguerilla, sondern zeigen ein echtes Dilemma auf. Sie haben keine Brüste und keine Pussy, doch sie wollen den Aufruhr. Sandra Luzina

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