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KLASSIK

Schwanken: Sunhae Im

und die Akademie für Alte Musik

Vielleicht muss ein Abend, der die Kraft der Musik beschwört, damit beginnen: mit der Ohnmacht, dem Tasten nach Verbindung, dem Aushorchen des Echoraums. In der Gethsemanekirche brauchen die Mitglieder der Akademie für Alte Musik die Länge eines Concerto des Lagunenkomponisten Baldassare Galuppi, um sich zu orientieren, einzuschwingen aufeinander. Drei Kantaten nach der Orpheus-Sage stehen auf dem Programm, drei Momentaufnahmen vom Kampf des wundermächtigen Sängers mit dem Tod, von seinem Triumph und seiner Niederlage in der Liebe.

Sie alle singt Sunhae Im, die koreanische Sopranistin, die so oft die Sonne aufgehen lässt über der Bühne. Ihre Stimme hat an Volumen zugenommen, verfängt sich beinahe im üppigen Nachhall des Kirchenschiffs. Je weiter das Konzert fortschreitet, desto tragischer gestaltet sich der Orpheus-Moment: Mit Louis-Nicolas Clérambault geht es zunächst zu einem fröhlichen Sieg in die Unterwelt: „Allez, Orphée, allez!“. Jean-Philippe Rameau zeigt bereits einen Sänger, der nicht das tut, was er tun sollte. Und Giovanni Battista Pergolesi lässt Orpheus ohne seine Eurydike ins Leben zurückkehren. Am Ufer des Flusses, den jeder nur einmal überqueren darf, harrt er aus. Dort singt er fort, furios zwischen Trauer und Hoffnung schwankend. Und Pergolesis kreisende Musik gibt eine Vorstellung davon, dass dies der ewige Platz der Musik ist. An der Grenze – und über sie hinaus klingend, ihrem Echo lauschend. Sunhae Im leuchtet im Altarraum. Ulrich Amling

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Schimmern: Philharmonischer Chor

mit Brahms und Hindemith

Symmetrie allerorten: Brahms lässt seine Vertonung des „Schicksalslied“-Gedichts aus Hölderlins Briefroman „Hyperion“ mit schwebenden, still-heiteren, abgeklärten Orchesterklängen beginnen – und auch enden. Dazwischen: der hämmernde Gegensatz der „seligen Genien in glänzenden Götterlüften“ und der Menschen, die von der Klippe geworden werfen. Gerade die gezackte Stimmführung, die das Klippen-Bild begleitet, intoniert der Philharmonische Chor Berlin in seinem ersten Abonnementkonzert der Saison unter der Leitung von Jörg-Peter Weigle besonders inbrünstig. Bei der begleitenden Staatskapelle Halle dagegen zunächst: Wackler und Laxheiten. Die alle Himmel öffnende Hinwendung von c-Moll zu C-Dur in Brahms Alt-Rhapsodie op. 53, die die existenzielle Verlorenheit des Menschen ergründet, gelingt hingegen anmutig und poetisch. Wo Brahms Gefühle und Affekte implizit in seine Musik integriert, ist Hindemith effekt- und oberflächenorientierter. In seinem Requiem auf Whitmans Bürgerkriegs-Klage „When lilacs last in the door-yard bloom’d“ lässt sich kaum verbergen, dass es im Chor die Frauenstimmen sind, die für Glanz und Würze, Schliff und Biegsamkeit sorgen, während sich die Herren allzu oft in amorphem, spannungslosem Grummeln verlieren. Ähnliches bei den Solisten: Während Ingeborg Danz in dunkelrot schimmernde Mezzohöhen fliegt, quält sich Stephan Loges mit hohen Lagen und mangelnder Durchschlagkraft, erst gegen Ende gewinnt sein Bariton an Wärme und Temperament. Udo Badelt

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